Richard Müllers Biografie (PDF Datei)

Unveröffentliches Manuskript zu einer Monographie als PDF Datei

Nachlaß Richard Müller)


Richard Müller Radierungen und weitere Informationen

Ausgewählte Werke aus unserem laufenden Angebot



 



Jugendzeit

In einer selten schönen Gegend Böhmens, wohl in einem seiner großartigsten Landstriche, in Tschirnitz a. d. Eger wurde ich am 28. Juli 1874 geboren. Meine Eltern waren Handweber. Der Vater stammte aus Zschopau und die Mutter aus Chemnitz. Sie hatten in der neu erbauten mechanischen Weberei in Tschirnitz Lohn und Brot gefunden. Schon in frühester Jugend versuchte ich, die Reize der böhmischen Landschaft aufs Papier zu bannen und meine Zeichenlust fand in den Bergen und Ruinen die besten Motive. Aber auch Zeitschriften, vor allem die Gartenlaube, brachten mir begehrte Vorlagen, besonders in Werken von Defregger, Lenbach, Menzel und Feuerbach, die ich ganz besonders liebte, immer wieder ansah und mit Vorliebe nachbildete u. oft war ich unglücklich, wenn ein Kopf oder Hände nicht gut gelangen, wenn der Gummi nicht mehr wirkte und ich ein Messer zum Wegkratzen benutzen musste, wenn das Papier recht dünn wurde und manchmal sogar ein Loch entstand. Bald las ich auch, was über diese Künstler geschrieben war und ich wußte mit der Zeit recht gut Bescheid über ihr Leben und ihre Werke. Am liebsten wäre ich abends garnicht zu Bette gegangen. Meine Schulaufgaben interessierten mich wenig, ich sah sie als ein notwendiges Übel an und erledigte sie nebenher, wie Holzhacken, Kohle und Wasserholen und Einholen für die gute Mutter, der ich zur Hand gehen mußte. Bot sich aber etwas aussergewöhnliches, kamen nämlich Zigeuner, oder war ein Pferd gestürzt, oder ließ ein Leierkastenmann seine traurigen Weisen ertönen, erschien ein Bärenführer, dann konnte es auch geschehen, daß ich meinen Auftrag vergaß, daß ich viel zu spät nach Hause kam und die Mutter schon über den ungeratenen Jungen verzweifeln wollte. In diesen Fällen halfen auch die Schläge des Vaters nichts. Schon wenn er den Stock ergriff, brüllte ich, als stäke ich am Spieße und milderte dadurch oft die Strafe, nach deren Vollzug ich rasch zur Tür hinaushuschte, um nach kurzer Zeit alles vergessen zu haben, mich stubenrein zu fühlen und mich wieder unauffällig in den Familienkreis einzugliedern. Mit fieberhafter Ungeduld erwartete ich stets das Erscheinen eines neuen Heftes der "Gartenlaube”. Welche Bilder würde sie diesmal bringen? Bleistift, Kreide und Tuschfeder lagen schon bereit und ich konnte es kaum erwarten, die Bilder zu vergrößern oder zu verkleinern. Bei Porträts wachten mir die glatten Hintergrunde ernste Sorgen. Wie war es nur dem Künstler gelungen, einen Hintergrund so glatt zu tönen, daß man die Strichlagen nicht erkennen konnte? Ganz zufällig fand ich des Rätsels Lösung, als ich eines Tages einen Zeichner in Karlsbad sah, der in einem Schaufenster sitzend, Photographien zeichnerisch vergrößerte und den Hintergrund mühelos mit einem Wischer glatt wischte. Da ging mir ein Licht auf und die daheim sofort hergestellten Wischer bewährten sich glänzend. So gingen meine ersten Lebensjahre ruhig und friedlich dahin. Ein harmonisches, glückliches Familienleben in einfachsten Verhältnissen. Dem Schulunterricht in Pürstein folgte ich mit Interesse und Aufmerksamkeit, und genoß meiner Zeichenkünste wegen beim Pfarrer und beim Lehrer besonderes Ansehen. Sie kauften mir meine Erzeugnisse oft ab und bezahlten mit Obst oder Zeichenmaterial, das sie mir aus der Stadt mitbrachten. Auch als Schuljunge fehlte ich bei keinem wichtigen Ereignis im Dorf. lch half beim Schweineschlachten genau so mit, wie beim Aufschlagen von Zigeunerzelten. Ja, die Zigeuner waren überhaupt Menschen, die meine Neugier erregten und ich begleitete sie oft stundenlang, wenn sie ihre Zelte abgebrochen hatten und bestaunte ihr fremdes Aussehen, ihre schwarzen langen Haare, ihre mir unverständliche Sprache und ihre recht mangelhafte, dafür aber um so buntere, meist rote Kleidung. Die Tiere, die sie mitführten, wie Bären, Affen und Kamele, Esel bewunderte ich, alles das war für mich von ganz besonderem Reize, ja, am liebsten wäre ich selbst Zigeuner gewesen und fair immer mitgezogen. Diese Begeisterung legte sich nur dann etwas, wenn die allzunahe Berührung mit diesen Menschen mir zuweilen Ungeziefer eingetragen hatte. Sehr stolz war ich auch, wenn ich ihre Tiere bewachen durfte. Und dem ergötzlichen Gesichterschneiden der Affen half ich dadurch nach, daß ich sie erschreckte und an den Schwänzen zog. Kam durch ihr Geschrei angelockt ein Zigeuner herbei, so gab ich mir den Anschein, als wollte ich die Affen füttern und behandelte sie mit aller Sanftmut. Wir Schuljungen prügelten uns herum und vertrugen uns wieder, wir wilderten in Feld und Wald und stellten den Tieren nach, besonders auch den Forellen, die wir an den Pfarrer und den Lehrer verkauften, um den Erlös sofort in Süßigkeiten umzusetzen. Im Sommer liefen wir meist nur mit Hemd und Hose bekleidet umher, nichts war vor uns sicher. Mit Vorliebe wurden Obst und Nüsse, vielfach unter großen Schwierigkeiten aus fremden Gärten erbeutet und oft musste man nach einer solchen Mauserei die geplünderten Grundstöcke eine Zeitlang meiden, um einer Tracht Prügel zu entgehen. Im Sommer schwammen wir in der Eger und im Winter fuhren wir Schlitten. So aufgewachsen war ich 13 Jahre geworden, und war's geworden, eh' ich mich's versah.

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Ein Jahr von Zu Hause weg.

Eine Ferienwanderung führte eines Tages einen Lehrer und Organisten aus Markneukirchen i.V. in unser Tschirnitz. Hier sah er meine Zeichnungen und forderte mich auf, in Markneukirchen für einen illustrierten Katalog des dortigen Musikinstrumentenmuseums, das er verwaltete, die Illustrationen zu machen. Das war eine herrliche Aufgabe für mich. Markneukirchen belieferte ja bald die ganze Welt mit Instrumenten. Ihre Modelle wurden dem dortigen Museum zur Verfügung gestellt und dort zeichnete und aquarellierte ich Harfen mit allen ihren Zierraten, Trommeln der verschiedensten Art, Holz und Blechinstrumente mit ihren wirkungsvollen Glanzlichtern. Freilich mußte ich mich in der 1. Bürgerschule weit mehr anstrengen, als in der Volksschule in Pürstein, denn die sächsische Schule stellte wesentlich höhere Anforderungen als die böhmische.. Beim Zeichenlehrer Kroitzsoh hatte ich einen besonderen Stein im Brett. Er hatte mein Talent ganz richtig erkannt und förderte mich nun in jeder Weise, er machte mich auch zum Verwalter des Zeichenmaterials und zum Verteiler der Zeichenvorlagen. Meine Gesangsstimme lies mich als Chorknabe Verwendung finden und hierbei machte mir die Tracht der Chorsänger, zumal der warme Mantel im Winter bisher hatte ich keinen Mantel getragen das Singen zu einer angenehmen Tätigkeit. Mit Singen und mit dem Vergrößern von Porträtphotographien verdiente Ich mir meinen Unterhalt. Unter den Fotos waren mir übrigens Großväter und Großmütter mit Runzeln viel Lieber, als junge Gesichter, da sich die zerfurchten Antlitze leichter zeichnen ließen, als die glatten. Nach Beendigung meiner Arbeiten im Museum ging ich im Alter von 14 Jahren nach Tschirnitz zurück. Ich erinnere mich gern der wiederholten Einladungen eines Onkels, die in diese Zeit fielen. Er war in Rossbach in Böhmen sächs. Zolleinnehmer und bei ihm fiel gutes Essen und mancher Taler für mich ab. Die Fußwanderung zu ihm über Adolf und durch den Wald war für mich, der ich schon die Natur liebte ein Hochgenuß.

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Berufsfragen

Die Schulentlassung brachte Beratungen im Elternhaus über die Wahl eines Berufes mit sich. Die Eltern hätten gern gesehen, daß ich in einer Maschinenfabrikschlosserei gelernt und später eine Maschinenbauschule in Komotau besucht hätte. Gottlob kam das alles ganz anders, denn diese Laufbahn wäre nicht nach meinem Geschmacke gewesen. Ein Zufall führte nämlich eines Tages einen Mann in mein Elternhaus, der mein weiteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. In der Nähe von Tschirnitz liegt ein über 900 m. hoher Berg, der Kupferhügel, der eine herrliche Aussicht ins Egerland, ins Duppauergebirge und die Gegend um Karlsbad bietet und alljährlich viele Fremde, hauptsächlich Sachsen anlockte, die dort den Abendhimmel bewunderten auch den Sonnenaufgang genossen und dann zu Fuße über Kleinthal, Pürstein Aubach nach der Bahnstation Pürstein oder der Straße nach über Kurau, Hadorf, Gesseln nach den schönen Klösterle wanderten und dann mit der Bahn nach Karlsbad fuhren, um über Joachimstal, Wiesenthal wieder nach Sachsen zurückzugelangen. Dieser schöne Ausflug war dem Porzellanmaler H. Theil aus Meißen gründlich verregnet, er kam durchnäßt nach Tschirnitz und ließ sich hier, um die Zeit totzuschlagen, von meinem Vater die mechanische Weberei zeigen. Danach brachte ihn mein Vater mit nach Hause und hier sah er mich zeichnen. Ich mußte ihm meine Zeichnungen vorlegen, und als er alles besichtigt hatte, faßte er den gewonnen Eindruck in die entscheidenden Worte zusammen: "Der Junge muß Maler werden !” Meine Eltern waren sich völlig im Unklaren, wie man dieses Ziel erreichen konnte, aber Herr Theil machte kurzen Prozeß. Er meinte, meine Zeichnungen seien vorzüglich er werde alles mit der Direktion der Porzellanmanufaktur in Meißen besprechen, und dabei suchte er auch schon die besten Blätter aus, die ich nach Meisen einsenden sollte. Für uns war das alles zu schön, um wahr zu sein. Wir lobten ihn im Stillen als einen freundlichen Mann, um zu gleicher Zeit zu argwöhnen, daß er, wenn das Wetter wieder schön sei, alles vergessen haben und nie wieder etwas von sich hören lassen würde. Aber das Mißtrauen war unbegründet. Schon nach einigen Tagen erhielt ich aus Meißen die Aufforderung, sofort die ausgesuchten Zeichnungen einzusenden, und nach weiteren wenigen Tagen kam die Nachricht, daß ich in die Porzellanmanufaktur aufgenommen sei, ich könne sofort antreten. Die Freude war sehr groß bei meinen Eltern, und vor allem bei mir, wir waren wie verwandelt.

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Neuer Anzug, neue Stiefeln

Wer so plötzlich aus dem Dorfleben herausgerissen und in die Stadt verpflanzt wird, wie ich, der bedarf unbedingt einer neuen Gewandung, denn, in Hemd und Hose und Sommers barfuß konnte ich mich in Meißen nicht blicken lassen. Die große Freude über meine künftige Künstlerschaft wurde sogleich von der Sorge überschattet, wie bei dem vorhandenen Geldmangel der nötige Anzug und die Stiefel zu beschaffen seien: Lange wurde im Familienkreise darüber nachgesonnen, jeder schwieg betreten und blickte vor sich hin. Die Eltern ließen wohl auch sinnend ihre Blicke auf mir ruhen und betrachteten den künftigen Helden und Auswanderer, der Maler werden wollte. Offen gestanden war es mir auch etwas ängstlich zumute, wenn auch mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Zuerst erholte sich der Vater vom Freuden- und Sorgenschreck und meinte, da müßte ich wohl zum Schneider gehen und versuchen, daß er mir einen Anzug auf Abzahlung anfertige, auch Schuhe müsse ich mir bauen lassen. Der Schneider in Klösterle hatte Vertrauen und war bereit, mir den Anzug auf Pump zu fertigen und ich war mir meiner Würde voll bewußt und zugleich verlegen, als er mir das große Musterbuch mit den Stoffproben vorlegte. Bisher hatte meine gute Mutter aus alten Sachen unsere äußere Hülle zusammengenäht und jetzt sollte ich einen neuen Stoff aus dem dicken Buche aussuchen. Doch schon nach kurzer Zeit hatte, ich meine Wahl getroffen. Mein Blick war entzückt auf einen gross karierten Stoff gefallen, der die Farben dunkelbraun, hellbraun und ockergelb in sich vereinigte und den letzten Schrei der Mode darstellte. Das mußte mein neuer Anzug werden. Die Bedenken des Schneiders, die Karos seien zu groß und würden insbesondere bei der Weste ungünstig wirken, schlug ich in den Wind. Es wurde Maß genommen und ich war entlassen. Schon nach 8 Tagen sollte ich den fertigen Anzug holen. Jetzt ging's zum Schuster. Schüchtern brachte ich meine Bitte vor, zuletzt mit ganz leiser Stimme, daß meine Bezahlung erst später erfolgen könne, Auf dem Papier, auf dem ich mit bloßen Füßen Aufstellung nehmen mußte, hatte der Meister schnell die Fußumrisse gezeichnet, Länge und Breite des Fußes gemessen und fragte nun, ob ich Schaftstiefel haben wolle. "Ja” lautete meine schüchterne Antwort. Eigentlich war ich auf Halbschuhe eingestellt, Schaftstiefel, so hoch wollte ich nicht hinaus. Aber ich war glücklich, denn schon lange hatte ich mir Langschäfter gewünscht. Schon nach vier Tagen sollten sie fertig sein. Die zur Anprobe nötigen Strümpfe holte ich vor dem Anprobieren aus der Tasche und zog sie erst beim Schuster an. Die Stiefel gefielen mir ganz ausgezeichnet, ich strahlte vor Freude und über mein so offensichtlichen Glück war wieder der Schuster so gerührt, daß die peinliche Angelegenheit der späteren Bezahlung gar nicht berührt wurde. Die Wegstunde von Klösterle nach Tschirnitz zurück verging mir im Fluge und ich sonnte mich daheim in der Bewunderung meiner Eltern. Wenn ich nur erst den Anzug haben könnte. Ich konnte es nicht mehr erwarten, aber auch hier kam der Tage an dem ich mich in glücklicher Erwartung auf den Weg machte. Im Schneiderhasue führte von der Haustür ein langer gerader Gang zur Werkstatt. Deren Tür stand offen, als ich die Haustür öffnete und gab mir sofort den Blick auf meinen prächtigen Anzug frei, der auf einem Kleiderständer in der Werkstatt hing. Mein Herz schlug höher, - aber ich war plötzlich wie vom Blitz getroffen, der Eindruck, den ich von dem Gewande bei näherem Hinsehen empfing, war niederschmetternd! Die Karos schienen ganz unmöglich. Ach, hätte ich doch auf den Rat des Schneiders gehört. Jedoch dieser fand den Anzug jetzt sehr hübsch, und ich wagte nicht, zu widersprechen. Ich mußte anprobieren und war doch gar nicht darauf gefaßt, meine nicht ganz einwandfreie Kleidung abzulegen. Inzwischen packte der Schneidermeister meine alten Sachen in ein Paket zusammen und als ich mich so von oben bis unten besah und der Schneider voll Freude über sein Werk an dem fragwürdigen Gebilde herumzupfte, da wäre ich vor Kummer über das auffällige Kleidungsstück am liebsten gestorben. Die fürchterlichen Karos verursachten mir ein tiefes Leid. Dann keimte wieder eine schüchterne Hoffnung in mir auf. Vielleicht sah der Anzug doch nicht so schlimm aus und ich näherte mich dem großen Schaufenster der Apotheke, um mich dort in ganzer Figur zu bespiegeln. Nein, ich konnte mich einfach nicht ersehen. Wie konnte ich nur den Stoff mit den riesigen Karos aussuchen? Ganz leise schlich ich mich nach Hause. Ich nahm den Weg durch den Wald und wurde durch den Gesang der Vögel, durch Blumen und Pilze von meinem Kummer abgelenkt, - jedoch, als ich den Wald durchschnitten hatte, da wurden meine Blicke erneut auf das Schreckensgewand gelenkt. Ich beschloß, die Wirkung dieses Monstrums bei meinem Freunde, dem Hausmeister der Fabrik, an der ich vorüber mußte, zu erproben. Er saß am Tore und las in einer Zeitung. Bei meinem Erscheinen blickte er über den Zeitungsrand hinweg, musterte mich von Kopf bis au den Füßen und schwieg. Und dieses Schweigen sagte mir genug. Traurig schlich ich mich nach Hause. Auch der Vater war mit Zeitungslektüre beschäftigt, und als ich das Zimmer betrat, schob er seine Brille auf die Stirn, musterte mich und sagte --- nichts, sondern versenkte seine Blicke schnell wieder in das Blatt. In gleichen Zimmer wusch meine Mutter gerade auf, auch sie warf mir einen Blick zu und wusch weiter, sie tat, als hätte ich gar keinen neuen Anzug an. Ich ging vor Zorn gleich zu Bett, schlief schnell ein und hatte alle Anzugsorgen vergessen. Nur am nächsten Morgen fiel mein erster Blick wieder auf das Qualgewand. Jedoch der Tag der Abreise rückte näher und die Reisevorbereitungen brachten mich bald auf andere Gedanken.

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Die Reise nach Meißen

Der Reisetag fand mich mit folgenden Kleidungsstücken angetan: Der neue Anzug schmückte meinen Körper, auf dem Kopfe trug ich eine Hubertusmütze, an der zwei Eicheln herab baumelten, die Füße steckten in den Schaftstiefeln und in der Hand hielt ich einen Spazierstock mit blauer Quaste. Im Grunde genommen gefiel ich mir wieder recht gut. Mein Vater brachte meine Mappe und erteilte mir die letzten Ermahnungen. Ein großes Paket unterm Arm, verschwand ich im Eisenbahnabteil, um mit den Kopfe gleich wieder zum Fenster herauszufahren und meinem Vater zuzuwinken. Er sah mich ungern scheiden. Ich schloß das Fenster nicht, als der Zug anfuhr und wurde deshalb meinerseits von meinen Reisegenossen angefahren, weil sie den Zugwind fürchteten. Dieser Beginn der Fahrt minderte meine. Reiselust beträchtlich, kleinlaut saß ich in meiner Ecke und verlegen spielte ich an Beines Spazierstock herum und wagte kaum, die Mitreisenden zu betrachten. Bald wurde ich aber ins Gespräch gezogen und nach meinem Reiseziel gefragt. Ich war glücklich, daß der Zorn gegen mich verraucht war und erzählte mit Eifer von meinem Glück und daß ich nach Meißen wollte. Dann ließ man mich in Ruhe und ich konnte zum Fenster hinausschauen und meinen Gefühlen nachhängen, in denen Freude, aber auch schon Heimweh eine Rolle spielten. Bei der Zollkontrolle in Bodenbach fand der Inhalt meines Reisegepäckes keine Beachtung und im sächsischen Zuge kam ich mir wie ein böhmischer Sohweinelschneider vor, den Mitreisenden wohl auch. Die sächsische Schweiz, die mir ganz fremd war, fand ich großartig und ich hätte mir Meißen in, ihrer unmittelbaren Nähe gewünscht. Ich bestaunte die Schrammsteine, den Königstein, den Lilienstein, Pirna, die schöne Stadt mit dem Sonnenstein und alles fand ich herrlich. Von Dresden hatte, ich viel gehört und gelesen. Nur vor den Umsteigen in den Meissner Zug hatte ich Furcht. Es warteten so viele Leute auf den Bahnsteig. Aber dann ging es besser, als ich dachte. Ich schloß mich an eine schlichte Frau an. die ein liebes, gutes Aussehen hatte, die nahm mich unter ihre Fittiche. Nur war sie mir viel zu redselig, ich hätte viel lieber meine neuen Eindrücke in Ruhe verarbeitet. In Meißen sah ich schon beim Einfahren in den Bahnhof Herrn Theil auf dem Bahnsteig stehen. Er erkannte mich gleich wieder und mir schien es, als ob er ein Erstaunen über meine Äußere Erscheinung unterdrückte, ja ich hatte den Eindruck, daß ich ihm barfuß und in Hemd und Hose besser gefallen hatte. Mit Stolz nahm ich auf unserem Wege durch die Stadt die vielen Grüße, die Herrn Theil zugedacht wurden, zur Kenntnis. Wir gingen über die Brücke, ich genoß den Blick auf die Albrechtsburg, den Heinrichsplatz, den Marktplatz mit seinen alten Häusern, wir durchschritten die Burgstrasse und näherten uns der Albrechtsburg immer mehr. In der Hintermauer - so hieß der Ortsteil, in dem Theil wohnte - waren wir am Ziel. Von Frau Theil, die in Zukunft wie eine Mutter für mich sorgte wurde ich freundlichst empfangen, ebenso von den sechs Kindern. Die Einrichtung der Wohnung stach von der damals gebräuchlichen ab, und ich wußte nicht, woran das lag, heute weiß ich, daß sie einen künstlerischen Geschmack ihres Inhabers verriet. Frau Theil war schlicht, sehr sauber, immer tätig und fleißig, nie sah ich sie müßig herumsitzen. Die Kinder waren hübsch, sauber und sehr gut erzogen. Das war mein erster Eindruck und so ist er auch geblieben. Herr Theil selbst war ein gutaussehender Mann und trug sein halblanges, lockiges Haar zurückgekämmt, das ist mir von seinem Äußeren noch in Erinnerung. Ein Bett auf dem Hausboden war meine - im Winter sehr kalte - Sohlafstätte. Aber Kälte störte mich wenig, ich war abgehärtet. Der ganze. große Betrieb der Porzellanmanufaktur, den ich beim Vorstellen kennen lernte, flößte mir riesigen Respekt ein. Der Empfang durch die zukünftigen Kollegen in der Zeichenschule war freilich alles andere als freundlich. Meine wohl ungewöhnliche Erscheinung veranlaßte sie sofort zu anzüglichen Neckereien und das brachte mich so in Zorn, daß ich dem einen Jungen, der besonders frech war und mir zu nahe rückte, mit meinem Spazierstock eins überzog. Doch bevor sich ein Kampf entwickeln konnte, betrat der Zeichenlehrer die Klasse und schaffte Ordnung. Meine Aufmachung schien auch ihn zu interessieren. Ich erhielt eine Vorlage, ein Reißbrett, Papier und Kreide - Bleistifte hatte ich bei mir - und die Arbeit begann. Sie fand vollste Anerkennung des Lehrers. ich wurde meinen Mitschülern als Muster hingestellt und es entstand das beste Verhältnis zwischen meinen Kameraden, meinem Lehrer und mir. Der künstlerische Betrieb in der Zeichenschule war überaus anregend und ganz in meinem Sinn. Ich erinnere mich der Lehrer Pappermann und Claus als glänzende Porzellanmaler, die mich aufs beste förderten und das Blumenmalers Braunsdorf, dessen vorzügliche Blumenvorlagen Aufsehen erregten. In meiner Begeisterung für das Zeichnen war ich früh stets einer des ersten, die die Zeichenschule betraten. Schon nach kurzer Zeit wurde ich aufgefordert, mit der Porzellanmalerei zu beginnen und nur noch nebenher zu zeichnen, aber ich bat, mich noch mehr im Zeichnen üben zu dürfen, eine Einstellung, die mir von meinen Lehrers sehr hoch angerechnet wurde, eines Tages trat ein älterer Maler in die Zeichenklasse ein und zeichnete viel nach Gipsabgüssen, Arme, Beine, Rückenakte usw. Er erzählte, daß er von der Manufaktur auf drei Jahre nach der Kunstakademie nach Dresden zu seiner weiteren Ausbildung geschickt werden sollte und hatte sich dort genau über die Art der einzureichenden Arbeiten erkundigt. Seinen Erzählung darüber lauschte ich aufmerksam. Sie erweckten den Wunsch in mir, auch zu versuchen, bei der Kunstakademie anzukommen, denn ich konnte bereits erkennen, daß meine Arbeiten besser waren, als die seinen. Ich mußte nach meinen Überlegungen noch mehr Aussicht haben, in die Akademie aufgenommen zu werden, als er. Da wurde ich eines Tages zum Finanzrat bestellt. Ich war unruhig, weil ich mir den Grund der Bestellung nicht denken konnte, aber der Empfang war überaus freundlich und der Finanzrat eröffnete mir, daß die Manufaktur auf Grund meiner ausgezeichneten Leistungen und meines Fleißes beschlossen habe, mich zur weiteren Ausbildung für drei Jahre zur Kunstakademie nach Dresden zu schicken; ich sollte monatlich zunächst 75, dann 100 Mark beziehen und mich einrichten, zu Ostern dort antreten zu können. Ich sollte mich gleich an die Anfertigung der bei der Akademie einzureichenden Zeichnungen machen. Sofort stellte ich das Porzellanmalen ein und zeichnete hinfort nach Gipsmodellen und nach der Natur. Dann reichte ich, ebenso., wie der erwähnte Maler meine Zeichnungen ein, d.h. ich fuhr selbst mit den Schiff nach Dresden und gab die Arbeiten persönlich ab, wurde bei der Akademie eingetragen, besichtigte flüchtig die Stadt und pilgerte. dann an der Elbe entlang nach Meißen zurück. Nach einigen Tagen teilte mir der Maler strahlend mit, er sei in die Unterklasse der Akademie aufgenommen, und als ich ihm erwiderte, ich hätte noch keine Nachricht, da meinte er etwas überheblich, ob das nur keine Absage bedeute. Im Innersten war ich derselben Meinung, denn ich war erst 15 ½ Jahre alt und erst mit 16 Jahren konnte man die Akademie besuchen. Meine Aufnahme bedurfte deshalb einer besonderen ministerielles Genehmigung, diese konnte nur auf Grund eines Beschlusses in einer Sitzung des akademischen Rates erteilt werden und solche Sitzungen fanden nur aller vier Wochen statt. So mußte ich wohl oder übel 5 Wochen auf einen Bescheid warten. Als er dann eintraf und dahin lautete, daß ich gleich in die oberste Klasse aufgenommen sei, da war meine Freude groß. Der Maler konnte mir jedoch meinen Erfolg nicht recht verzeihen. Er ging nach drei Jahren wieder nach der Manufaktur zurück, und als ich ihn später - ich war inzwischen Lehrer und Professor geworden - bat, mich einmal in meinem Atelier zu besuchen, meinte er, daß er jede Lust verlöre, wenn er mich sähe oder von mir höre. Nun machte mir die Frage Sorge, wovon ich in Dresden leben sollte, denn es war für mich ausgemachte Sache, daß ich das Studiengeld von der Manufaktur nicht annehmen wurde, ich wollte mich auch nicht verpflichten, nach dreijährigem Studium zur Manufaktur zurückzukehren, denn ich mußte ungebunden sein. Als die Direktion der Manufaktur versuchte, mich zu bestimmen, das für mich ausgesetzte Geld anzunehmen, griff ich zu einer Notlüge; ich gab vor, daß ich von jemandem unterstützt wurde, ich wollte auch nach dem dreijährigen Studium wieder in die Manufaktur eintreten. Das wurde mir schriftlich bestätigt.

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Studium in Dresden

In Dresden machte ich mich nunmehr auf die Wohnungssuche. Aus den an den Haustüren hängenden Vermietungszetteln konnte man den Preis und die Ausstattung der Schlafstellen ungefähr erkennen. Nach längerem Bemühen fand ich endlich in der Poliergasse ein billiges und nicht einmal häßliches Unterkommen. Nur die Wirtin betrachtete mich recht mißtrauisch, als ich so ohne jedes Gepäck und nur mit einem in Papier gewickelten Paket bei ihr einzog. Ich sagte ihr gleich, daß ich kein Geld hätte. Aber schon am nächsten Tage fand ich Arbeit. Ich kam mit einem Packen Fotos nach Hause, die ich vergrößern sollte, sogar einen Vorschuß für Papier und Fixativ hatte ich erhalten. Meine Wirtin merkte bald, daß ich kein leichter Bursche war und daß sie nicht Gefahr lief, um ihr Geld zu kommen. Markthalle und Versorghaus, beides Orte, an denen ich neben meinem Akademiebesuch Studien machen konnte, lagen in der Nähe, und ich führte eigentlich ein wunderschönes Leben. Sonnabends zogen wir mit der Landschafterklasse unter Leitung von Prof. Friedrich Preller dem Jüngeren hinaus in den Plauenschen Grund oder nach Loschwitz. Jeder suchte sich ein Motiv und begann zu zeichnen oder zu malen. Nach einigen. Stunden kam dann der Professor zur Korrektur. Besondere Vorbilder waren uns die Radierungen Ludwig Richters von Dresden und Umgebung. Seinerzeit war der Plauensche Grund eine Fundgrube für Künstler. Das gleiche galt für den Ziegengrund. Ihn habe ich noch so in Erinnerung, wie er auf den Brautzug von Ludwig Richter dargestellt ist. Sehr viel habe ich aus den anatomischen Vorträgen im Kurländer Palais gelernt, das unser Interesse schon wegen seiner Vergangenheit erregte, und wo der 'Unterricht vor menschlichen Skeletten und Leichen gehalten wurde. Prof. Treu, Direktor des Albertinums, führte uns in die Kunstgeschichte ein. Er las hauptsächlich über griechische Kunst und die damals noch seltenen großen Lichtbilder von antiken Tempeln erweckten unsere Begeisterung. Seinerzeit hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß ich solche herrlichen Bauwerke später einmal in natura sehen würde, und doch war mir das 1928 beschieden, als ich in Italien reiste und in Paestum und Girgenti die gewaltigen Bauten bewundern konnte. In Dankbarkeit gedenke ich auch meines Klassenlehrers in der Akademie, Prof. L. Gey, der uns u.a. über den Bau des menschlichen Auges und Ohres usw. aufklärte und sie uns in Verkürzungen und Überschneidungen darstellen lehrte, alles Dinge, die für das ganze künstlerische Schaffen grundlegend waren. Sascha Schneider, R. Max Eichler und mich nahm er besondere scharf vor, weil er uns wohl für die talentvollsten seiner Schüler hielt. Im täglichen Abendakt, von 5 bis 7 Uhr,. standen sämtliche Lehrer der Akademie zur Korrektur zur Verfügung, unter ihnen Scholz, Schilling, Gey, Pauwels, Dies und Geyger. Da konnte man ausgezeichnete Leistungen sehen und einer spornte den anderen an, waren doch auch die älteren, die Atelierschüler dabei. In den Pausen wurden die Arbeiten der anderen Schüler betrachtet. Später kam ich in den Malsaal zu, Prof. Leon Pohle, einen sehr gut aussehenden intelligenten Künstler, der die Gabe hatte, einen Kopf prima herunter zu malen, und so ausgezeichnet, daß die Studie, als fertiges Kunstwerk gelten konnte und wir Schüler aus dem Staunen nicht herauskamen. Natürlich ging es auch manchmal recht fidel zu. Fast jeder Schüler hatte eine Gabe, die zum lachen reizte. Da wurde das Geheul eines Hundes imitiert, den man getreten hatte oder ein Professor wurde in Gang und Sprache nachgeahmt, insbesondere. sein Ausspruch, das wir alle talentlos seien. Auch Redner zeigten ihre Kunst, Damenimitatoren traten auf, Tenöre ließen ihr Lied erschallen, Zither und Geigenspieler konzertierten. Ich selbst tat mich im Jodeln hervor und ahmte einen Hühnerhof mit krähenden Hähnen und ein wieherndes Pferd nach. Die Besetzung der Akademie mit wirklich begabten Lehrern ermöglichte es uns, sehr viel zu lernen. Nach zwei oder drei Semestern verließ ich die Akademie, um mich selbst an Modellen im Versorghaus, in der Markthalle und im zoologischen Garten weiterzubilden. Mit den Akademikern blieb ich jedoch weiter in Verbindung. Schon im zweiten Semester hatte ich den Freischein erhalten, der mich von Zahlung des Schulgeldes befreite und den ich bis zu meinem Abgang behielt. Außer verschiedenen Stipendien verfügte ich fast alle Monate über zwölf Freitischmarken.

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lm bunten Rock.

Ich hatte bereits verschiedene Ausstellungen beschickt und gut verkaufen können, mich an Plakatkonkurrenzen beteiligt und mehrere Preise erhalten, als ich im Alter von 20 Jahren Soldat wurde. Die vorgesehene Einstellung bei den Gardereitern konnte ich vermeiden, ich wollte doch auch als Soldat zeichnen und malen, und hoch zu Roß war das so eine Sache. So wurde http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Leo_von_Treitschkeich Müller IV in der 3. Kompanie des Leibgrenadierregimentes. Kurz vorher hatte ich noch Bilder in der Kunstausstellung Arnold, Ecke Altmarkt und Wilsdrufferstr. in Dresden ausgestellt. Dort hatte General von Treitschke eine Arbeit von mir erworben, hatte mich in meinem Atelier besuchen wollen und erfahren, daß ich Soldat sei. Sein Besuch auf dem Kasernenhofe, wo er sich mit mir längere Zeit unterhielt, erregte bei meinen Kameraden großes Aufsehen. Er brachte mir eine Einladung zum Essen für den nächsten Sonntag bei ihm ein und in Begleitung eines Unteroffiziers - ich konnte mich seinerzeit nach der kurzen Ausbildungszeit auf der Straße noch nicht einwandfrei militärisch bewegen- langte ich bei ihm an. Seine Frau, eine sehr liebe Dame, empfing mich aufs freundlichste, und fast alle Sonntage war ich bei ihnen Mittagsgast. Für alle die mir damals von ihnen Liebenswürdigkeiten bin ich noch heute dankbar. General von Treitschke veranlaßte auch, daß ich mein Einjährigen-Examen ablegte und nach. einjähriger Dienstzeit wurde ich mit den Schnüren entlassen. Während meiner Soldatenzeit habe ich mir auch durch künstlerische Arbeiten für die Kompanie und das Regiment manchen Groschen verdienen können, so daß es mir eigentlich recht gut ging. Freilich, wenn ich meine Kollegen besuchte, die noch Zivilisten waren, und wenn ich sah, wie sie schafften, wie sie Studien und große Bilder malten, da wurde es mir recht wehmütig ums Herz, wenn ich abends des Schlafsaal mit seinen 120 Betten betrat, wenn ich die dicke Luft spürte und das Schnarchen hörte, und oft lag ich traurig lange Zeit wach und sehnte mich nach dem Ende meiner Soldatenlaufbahn, die mir doch durch ihre Abhärtung, ihre Ordnung und das gute Essen recht wohlgetan hatte. Gute Freunde hatten mir inzwischen in der Seilergasse ein nettes Zimmer mit gutem Licht versorgt, ich wurde auch mit Geld unterstützt, das ich sehr bald zurückzahlen konnte, und mit Feuereifer stürzte ich mich auf meine lang ersehnte Arbeit. Als 1896 ein Reisestipendium für Radierer und Kupferstecher ausgeschrieben wurde, übte ich mich in dieser Kunst und bald hatte ich eine größere Anzahl, Platten radiert und gestochen.

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Beim Kupferdrucker in Berlin

Besonderes Interesse für meine Arbeiten zeigte der Generaldirektor von Seydlitz, er hatte verschiedene Studien aus dem zoologischen Garten und dem Versorghaus gekauft und forderte mich auf, mich an. ihn zu wenden, wenn ich einmal in Not, besonders in Geldnot wäre. Da in Dresden keine geeigneten Drucker aufzutreiben waren, beschloß ich, meine damals radierten Platten beim Drucker O. Felsing in Berlin drucken zu lassen, der einen ausgezeichneten Ruf genoß. Die Reise nach Berlin und der Aufenthalt dort überstiegen freilich meine finanzielle Leistungsfähigkeit, und so entschloß ich mich, mir 100 Mark bei Herrn von Seydlitz vorstrecken zu lassen. Trotz des mir zuteil werdenden herzlichen Empfanges bat ich ihn auf seine Frage, wieviel Geld ich benötige, in meiner Schüchternheit statt um die 100 Mark nur um 20, die mir sofort ausgehändigt wurden. Damit konnte ich freilich schwerlich auskommen, errechnete ich mir. Aber ich machte mich auf die Reise und auf der Abfahrt dachte ich nur an meine Platten und meine Gedanken kreisten unaufhörlich um die Frage, ob ich das Stipendium erhalten würde. Ich eilte, am Ziele angekommen, sofort zu Felsing, bei dem ich mich schon angemeldet hatte. Das Papier war schon gefeuchtet und der Druck begann. Felsing fragte nach Betrachtung meiner Platten‚ ob ich sie wohl verkaufen würde. Ich glaubte, nicht recht zu hören und bejahte die Frage. Sogleich benachrichtigte Felsing den Kommerzienrat Ernst Seeger, der auch noch während des Druckes erschien, mit dessen Erfolg ich recht zufrieden war. Seeger bot mir 10.000 Mark und stellte seinen Besuch bei mir in Aussicht, um noch Oelstudien und Zeichnungen zu erwerben. Ich glaube, mir haben vor freudigem Erschrecken die Knie geschlottert und ich wäre am liebsten allein gewesen, um meiner großen Freude irgendwie Ausdruck zu verleihen. Mit dem Gelde in der Tasche eilte ich au meiner bescheidenen Herberge, die ich stolz verließ, um sie in ein Zimmer im Askanischen Hofe einzutauschen. Dort nahm ich zunächst ein reiches Abendessen ein. Offengestanden kam ich in meiner Aufregung gar nicht so recht auf den Geschmack der guten Sachen. Immer fühlte ich nach, ob ich das Geld noch in der Tasche hatte und schon gegen acht Uhr abends zog ich mich in mein feines Zimmer zurück, in dem ein mir bis dahin unbekanntes Reformbett meinen besonderen Gefallen fand. Ich verschloß sorgsam die Zimmertür, verhängte das Schlüsseloch, sah unter das Bett und in den Kleiderschrank - ich war allein. Jetzt zählte ich des öfteren mein Geld durch, versteckte es unter meinem Kopfkissen, legte mich gleich in Bett und schlief schnell ein. Die nächsten Tage verwandte ich zu Studien im Berliner Zoologischen Garten, von dem ich viel gehört hatte und die dort entstandenen Blätter brachte ich erst gar nicht mit nach Dresden. Herr Seeger kaufte mir einen indischen Elefanten und ein Rhinozeros gleich für 500 Mark ab, als ich seine Sammlung mit Bildern von Böcklin, Leibl, Klinger, Lenbach, Liebermann und anderen besichtigen durfte. Nach Hause zurückgekehrt, ließ ich die Berliner Drucke gut in Kartons legen und rahmen und erhielt darauf 1897 den Rompreis in Höhe von 6000 Mark. Damit war ich jeder Geldsorge enthoben. Jetzt mietete ich ein schönen Atelier mit Ober- und Seitenlicht und nun begann die Arbeit erst richtig. Ich konnte mir Modelle halten und bestes Zeichen- und Malmaterial anschaffen.

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Der Rompreis führt mich nach Italien

Eine Italienreise schwebte mir vor und ich trat sie an. Ich studierte fleißig im Baedeker das Land und auch die Studien der Romantiker, die ich im Kupferstichkabinett in Dresden oft betrachtet hatte. In Frankfurt machte ich Station. Prof. Dr. Lehrs, der Direktor des Kupferstichkabinetts in Dresden hatte mir eine Empfehlung an Hans Thoma mitgegeben. Thoma hieß mich herzlich willkommen und zeigte mir alle seine Arbeiten. Auch in Frankfurt besuchte ich studienhalber den Zoologischen Garten. Die dort entstandenen Blätter fanden Thomas vollen Beifall und er meinte, er wurde es mit Freuden begrüßen, wenn ich mich in Frankfurt ansässig machte. Aber ich war im Geiste schon in Italien und freute mich auf eine Fahrtunterbrechung in Basel. Die Schweiz, auch ein mir bis dahin unbekanntes Land mit ihren anderen Menschen, ihrer Sprache, ihren Bergen und in Basel mit seinen Kunstschätzen, interessierte mich brennend. Ich denke an die wundervollen Randzeichnungen von Holbein und seinen liegenden Christus im Grabe, die ausgezeichneten Böeklins und seine Masken an der Kunsthalle. Wie dankbar war ich meinem Geschick, das mich diese herrlichen Kunstwerke sehen ließ. Von Basel aus ging es nach Luzern. Ich genoß den gewaltigen Eindruck, den die Natur schon bietet, wenn man aus dem Bahnhof tritt. Hier wurde mir die Tellsgeschichte wieder lebendig am Vierwaldstätter See. Ich sah Wilhelm Tell förmlich sein Boot abstoßen. Der Pilatus mit seinen Hörnern begeisterte mich und ich bedauerte nur, daß ich nicht alles zeichnen und malen konnte. Weiter ging die Fahrt nach Florenz und Rom, sie dauerte mir viel zu lange, überall fand ich Motive, die der Darstellung wert gewesen wären. Ich verhielt mich ziemlich stumm, da ich die Landessprache nicht beherrschte. Die drei bis vier Worte, die ich italienisch sprechen konnte, reichten meist dann nicht aus, wenn ich die fehlenden durch Minenspiel und unter Zuhilfenahme der Hände zu ersetzen suchte. Im Bahnhofslärm von Florenz stand ich recht einsam. Die Aussicht vom Bahnhof auf die Stadt enttäuschte mich, ich hatte gleich am Bahnhofe Perseuse mit Medusenhäupern zu sehen gehofft. auch Michelangelos, Botticellis und dergleichen. Doch mein Baedeker führte mich richtig und bald fand ich das, was mich nach Florenz gezogen hatte und ich war von den Perlen florentinischer Kunst hell begeistert und sprachlos über den Palazzo Vecchio, den David von Michelangelo, über Veroccio: den Knaben mit Fisch, über den Perseus mit dem Haupte der Medusa von Cellini, den Palazzo degli Uffizi mit seiner Sammlung, wohl der besten der Welt. Bald merkte ich, daß bei uns doch vieles nur glatte Nachahmung ist und verstand auch bald, daß Künstler, die dem Echten zustreben gern hier lebten, um angeregt zu werden. Palazzo Vecchio Hof mit den Brunnen und die schöne Architektur gaben mir eine einzigartige Stimmung. Insbesondere auch die Loggia dei Lanzi mit ihren Plastiken. Holbein und Dürer machten in der Fülle bester Kunstwerke recht gute Figuren. Der Dom, das Baptisterium mit den Bronzetüren, das Findelhaus mit den Andrea dello Robbia, den großartigen Palästen, wie Palazzo Pitti usw. Das alles wurde eingehend besichtigt und abends kam ich müde und hungrig im Hotel an, wo mir die Makkaroni mit Käse und ein Fläschchen einfacher Landwein vortrefflich mundeten. Ich besuchte auch Prof. Ernst Moritz Geyger, der früher Lehrer an der Dresdner Akademie gewesen war und auch mich für kurze Zeit unterrichtet hatte. Er wohnte außerhalb der Stadt, in Marinello, einem früheren Landgute des Papstes Leo XIII. Hier hatte er sich ein riesiges Atelier errichten lassen, in dem er gerade den Stier modellierte, ein wundervolles Kunstwerk, das ein antikes Werk hätte sein können. Das nach dem mir von Geyger geschenkten Modell des Stieres gegossene Standbild ist in Dresden bei einem Luftangriff untergegangen. Unter Geygers Führung habe ich die Sehenswürdigkeiten in Florenz gründlich kennen gelernt und verstanden, daß er sich gerade diese Stadt zum dauernden Wohnsitze erwählt hatte, paßte doch seine Kunstanschauung glänzend zu Florenz. Ich zeichnete bei ihm landschaftliche Motive und einen Esel von vorn und von der Seite. Die Bilder fanden Geygers höchsten Beifall. Öfters machte ich mich schon morgens um 6 Uhr auf den Weg zu ihm. Dabei traf ich eines Tages einen Herrn, der mich schüchtern mit "Signore" ansprach, weil er mich wohl für einen echten Italiener hielt. Ich vermutete richtig einen Deutschen in ihm und sagte ihn, er könne ruhig deutsch mit mir sprechen. Er war glücklich und berichtete mir, daß er schon acht Tage lang als Stummer herumlaufe, weil sein italienisch niemand verstehe. Er bat mich, ihn unter meine Fittiche zu nehmen, doch das konnte ich bei meinem geringen italienischen Wortschatz nicht tun. Er wußte übrigens genau, wo man recht gut speisen konnte. Eines Tages ging an meinem Hotel eine Krankenschwester in ihrer eigentümlichen Tracht mit ihrer großen Haube vorüber. Die Tracht reizte mich so, daß ich ihr mit Gesten und Mimik zu verstehen gab, daß ich ihre Tracht zum Malen brauche. Sie verstand mich nicht, auch mein Augenrollen á la briganti nutzte mir nichts, endlich machte ihr der Portier klar, daß ich Maler sei und ihre Tracht kaufen wolle. Für 40 Lire sollte ich das schon abgetragene Kostüm erhalten, in einer Stunde würde sie mir's bringen. Sie kam auch wirklich, ich zahlte den Kaufpreis und 10 Lire als Belohnung. Ihr: 'Grazie Signore' schmeichelte mir mächtig. Auch der Portier erhob Ansprüche wegen seiner Vermittlung und ich hielt 5 Lire bei ihm für ausreichend. Öfters traf ich dann die Schwester wieder, größte sie freundlich, und sie lächelte schon von weitem. Als ich dann später mein Bild: Barmherzige Schwester gemalt hatte, sandte ich ihr ein Foto davon, dessen Empfang sie. mir dankend bestätigte. Sie hatte allerdings geglaubt, ich hätte ihr Gesicht aus den Gedächtnis wiedergegeben, während ich ein ihr ähnliches Modell gefunden hatte. Als ich glaubte, alle Kunstschätze von Florenz zu kennen, machte ich mich nach dem Höhepunkt der Reise auf, der gleichzeitig ihr Ende sein sollte: nach Rom. Schon vom Bahnwagen aus spähte ich nach der Stadt, die ich bisher nur aus Bildern, Aquarellen, Stichen, Zeichnungen und guten Lichtbildern kannte. Endlich erschienen die Umrisse der Peterskirche am Horizont und ungeduldig nahm ich meinen Koffer aus den Netz, wiewohl wir noch längst nicht am Ziele angelangt waren. An Tiber, in der Campagne und überall sah ich im Geiste Deutschrömer sitzen: Koch, Erhardt, Franz Dreber und wie sie alle hießen, die durch ihre schönen Studien mir aus dem Kupferstichkabinett bekannt waren. In Rom war schnell ein kleines, billiges Hotel gefunden und des lästigen Koffers Iedig, den Baedeker in der Hand begann meine Romfahrt. Mein erster Besuch galt der Peterskirche und der Engelsburg. Dann besichtigte ich die vatikanische Antikensammlung, die Sixtinische Kapelle, Raffaels Stanzen und Loggien, Papst Innozenz X von Velazques, das Kolosseum, die himmlische und die irdische Liebe von Tizian, das vatikanische und kapitolinische Museum usw. Es war mir ein seltenes Glück, alle diese Originale zu sehen, mit das Beste, was die Welt in der Kunst hervorgebracht hat. Ich beachtete Hinweise im Baedeker gründlichst. Aber nicht nur die Schönheiten der Stadt genoß ich in vollen Zügen, wanderte auch weit hinaus in die Campagne, um Katakomben, Ruinen und die großartigen Bogenreihen der antiken Wasserleitung zu sehen. Ich sah den Albaner- und den Nemisee, das Frascati Kastell, Gondolfo und Tivoli mit seinen Wasserfällen. Ueberall fand ich die wundervollsten Motive, die mir, durch die Deutschrömer schon geläufig waren und die ich gern in meinem Skizzenbuche festgehalten hätte. Jedoch zog ich es mit Rücksicht auf meine beschränkte Zeit und Kasse vor, viel zu sehen und mich anregen zu lassen. Es drängte mich, selbst wieder etwas selbständiges zu schaffen und deshalb entschloß ich mich schnell zur Heimreise nach Dresden. Aus einem längeren Aufenthalte in München wurde nichts. Die Stadt mit ihren schwachen Nachahmungen italienisches Originale gefiel mir nicht mehr. Daheim angelangt packte ich die Schwesterntracht aus, suchte mir ein geeignetes Modell und zeichnete den Carton zum Bilde: "Barmherzige Sohwester". Ich konnte den Beginn des Malens an diesem Bilde kaum erwarten und war ganz unglücklich, wenn der Abend meiner Tätigkeit ein Ziel setzte. In der Deutschen Kunstausstellung In Dresden 1899, wo meine Arbeiten in einem eigenen Saale besonders gut wirkten, wurde ich für das Bild: "Barmherzige Schwester", Zeichnungen, Radierungen und Stiche mit der großen goldenen Medaille ausgezeichnet und das Werk "Barmherzige Schwester" wurde von der staatlichen Gemäldegalerie erworben. Das Kupferstichkabinett kaufte alle Radierungen, Stiche und eine Anzahl Zeichnungen. Auch Käufe von Privatsammlern brachten mir Geld ein und ich erhielt daraufhin eine Anstellung bei der Kunstschule Kops, deren Inhaber Prof. Guido Richter war. Hier erfreute sich mein Unterricht eines großen Zulaufes und ich selbst lernte noch durch die Korrekturen, die ich zu geben hatte, denn es förderte euch mein Können, wenn ich gehalten war, in wenigen Minuten einen Akt, einen Kopf, eine Figur oder einen Faltenwurf schnell anzulegen und zu zeigen, wie man die Arbeit anfängt oder ändert, wie man sie weitertreibt und vollendet. Bald erhielt ich einen Ruf als Lehrer und Professor an der Kunstakademie in Dresden.

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Meine Bekanntschaft mit Lillian Sanderson

Lillian Sanderson wurde 1899 auf einer Konzertreise durch ein Plakat auf die Kunstausstellung in Dresden aufmerksam. Für die darstellende Kunst im gleichen Maße, wie für die Musik interessiert besuchte sie die Ausstellung und dabei fanden meine Arbeiten ihren besonderen Beifall. Damals erwarb sie. eine Zeichnung von mir "Weiblicher Studienkopf" und sandte ihn ihrer Mutter nach Amerika. Eines Tages erhielt ich von Lillian Sanderson aus Wien einen Brief in dem sie den Wunsch aussprach, sich von mir für ihre Konzerte zeichnen zu lassen. Unschlüssig ob ich diesen Auftrag annehmen sollte wandte ich mich um Rat an den Generaldirektor Herrn von Seydlitz, den ich als Besucher aller guten Konzerte kannte und der mir Lillian Sanderson als eine große, ganz eigenartige Sängerin schilderte, deren 8onzerte er stets besuche, wenn sie in Dresden auftrete. Außerdem sei sie eine bildschöne Frau. Ich sollte, so weinte er, auf alle Fälle den Auftrag annehmen. In jeder Konzertdirektion könne ich mir ihre Bilder zeigen lassen. Über Annahme oder Ablehnung des Auftrages war ich deshalb im Zweifel, weil ich fürchtete eine verwöhnte und überhebliche Dame zeichnen zu müssen und das wollte ich vermeiden. Auch hatte ich mir eine Studienreise nach dem Harz vorgenommen, die eine Art Italien Ersatzreise werden sollte und an der mich der Auftrag sicher hindern wurde. So schrieb ich ihr ab. Aus ihrem Antwortschreiben ersah ich jedoch, daß sie sich in Hasserode im Harz aufhalten wolle, und nunmehr ließen sich meine Reisepläne mit dem Auftrag in Einklang bringen und ich sagte nun doch zu. Auf ihren Bescheid, daß sie mich in Hasserode am Bahnhof erwarten werde, und daß sie für mich ein Zimmer im Hotel "Steinere Renne" in Hasserode bestellt habe, machte ich mich auf den Weg. Am Bahnhof Hasserode fiel mir gleich eine große stattliches und bildschöne Frau auf. Ich ging auf sie zu, zog artig meinen Hut und stellte mich vor. Ihre Schönheit und ganz natürliche Liebenswürdigkeit machten mich schüchtern und verlegen und ich bedauerte, ihr zunächst abgeschrieben zu haben. Meinem Künstlerauge fielen sofort ihre schönen Gesichtsformen auf, ihre großen ausdrucksvollen Augen, die fein gebogene Nase und der gut geschnittene Mund, Ohren und Hals waren formvollendet. Zugleich verspürte ich große Lust, mit dem Zeichnen möglichst sofort anzufangen. Auf dem Wege zum Hotel kamen wir auf die bildende Kunst zu sprechen und ihre ganze Einstellung zu dieser, und schließlich auch ihr Urteil über meine eigenen Arbeiten flößten mir den größten Respekt ein. Im Hotel angelangt, stellte ich mein Gepäck ab und wir gingen nach Frau Sandersons Wohnung, in einer romantischen Mühle, die künstlerisch sehr geschmackvoll eingerichtet war und von deren Wänden mich Bilder von Lenbach, Zügel, Thoma, Rietti und Liebermann grüßten. Ich wurde zum Kaffee eingeladen und die Zeit für das Modellsitzen wurde genau festgelegt, denn Lillian Sanderson hatte fleißig für ihre nächsten Konzerte zu studieren. Auf meine Bitte trug dann Lillian Sanderson einige neu einstudierte Lieder von Bungert, Heß, Hermann, Wolf usw. vor. Beim Hören der wundervollen, weichen, selten schönen Stimme, die jedes Textwort einwandfrei verstehen ließ, wurde mir ganz eigen zumute. Ihr schönes Gesicht brachte Lust und Leid, Freude und Schmerz so ergreifend zum Ausdruck und ich lauschte den Tönen mit großem Genuß und spürte im Herzen ein seltsames Glücksgefühl. Mit Ungeduld erwartete ich den nächsten Tag, an dem ihr Porträt begonnen werden sollte und im Stillen hoffte ich, daß ich nach. getaner Arbeit still in einem Winkel ihrem Gesang wieder zuhören durfte. Auch bei weiteren Unterhaltungen mit L.S. über Kunst und Künstler zeigte sie sich selten gut orientiert, ja, ich meinte, einen ersten Fachkollegen vor mir zu haben und es tauchten In mir Zweifel auf, ob ich meine Aufgabe, sie zu zeichnen, zu ihrer Zufriedenheit lösen würde. Wir waren zum Abendessen in mein Hotel gegangen und um 9 Uhr - viel zu früh für mich - brach sie nach ihrer Mühle auf. Ich durfte sie begleiten. Der Weg ging am rauschenden Mühlbach entlang, und die Mühle lag friedlich mit erleuchteten Fenstern im Dunkeln. Nach dem Abschied wartete ich vor der Mühle, bis auch in ihrem Zimmer Licht aufflammte. Ich sah noch ihren Schatten flüchtig am Fenster, dann wurden die Vorhänge vorgezogen und ich kam mir ganz einsam und verlassen vor. Ein wehmütiges Gefühl überkam mich, als ich meinem Hotel zuschritt und als ich schon von weitem den Lärm der Gäste hörte, da kehrte ich um und ging nochmals den Weg zur Mühle zurück. Dort stellte ich mich ins Dunkle, um nicht gesehen zu werden und blickte nach den erleuchteten Fenstern, hinter denen ich Lillian Sanderson wußte. Auch als in ihren Fenstern dann das Licht erlosch, stand ich noch immer da, lauschte auf das Rauschen des Baches, hörte die Wassertropfen vom stillstehenden Mühlrad fallen und betrachtete das Mühlrad, aber was ich auch anstellte, das seltsame neue Gefühl in meiner Brust, das blieb bestehen. Ich fühlte plötzlich keine Lust mehr, den Harz zu durchwandern, vergaß meine Pläne, nur der Weg nach der Mühle war mir noch wichtig. An diesem Abend konnte ich lange Zeit keinen Schlaf finden. Schon vor 6 Uhr früh trank ich am nächsten Morgen meinen Kaffee. Obwohl ich erst für 10 Uhr zum Zeichnen bestellt war, brach ich gleich nach dem Frühstück auf, um mir Hasserode anzusehen, doch es zog mich unwiderstehlich nach der Mühle und ich hielt mich in Deckung in ihrer Nähe auf. Vor 10 Uhr stand ich vor Lillian Sandersons Zimmertür mit Reißbrett, Papier und Zeichenmaterial bewaffnet und lauschte ihrem schönen Gesang. Bald wurde ich sehr freundlich von ihr empfangen. Ich erfuhr, daß sie schon seit früh 7 Uhr übte und studierte und bald studierte auch ich mein schönes Modell, und die Zeit bis 1 Uhr war bei interessantester Unterhaltung im Nu verstrichen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Hotel zeichnete ich ab 3 Uhr weiter. Mein Versuch, mich bis dahin im Baedeker über den Harz zu orientieren, mißlang, meine Gedanken schweiften ab und ich war froh, als ich wieder an meine Arbeit gehen konnte. Wieder empfing mich Klavierspiel und Gesang und ich war bald so in meine Arbeit vertieft, daß ich stundenlang kein Wort sprach, denn mein Ehrgeiz war ja geweckt. Meine Arbeit mußte neben ihrer Kunst bestehen können. Gegen Abend forderte sie mich auf, mit ihr ihre beiden Kinder in Wernigerode zu besuchen und dabei Wernigerode kennen zu lernen. Ich ging nur zu gern mit, denn ihre liebenswürdige Art und geistreiche Unterhaltung zogen mich mächtig an. Wenn Lillian Sanderson sang, träumte ich mit offenen Augen, sah herrliche mir unbekannte Landschaften und erschrak, als ich angeredet wurde, ich hatte ganz vergessen, daß ich nicht allein war. Noch lange saßen wir zusammen und erzählten uns aus unserem Leben und von unserer Kunst. Bei meinem Abschied drehte sich das Mühlrad. Ich ging langsam, mich immer wieder nach der Mühle umwendend nach meinem Hotel, legte mich dort zeitig zu Bett und ging meinen Gedanken und Gefühlen nach. Immer sah ich Lillians Gesicht vor mir, hörte ihre schöne weiche stimme, Bruchteile aus den gehörten Liedern zogen mir am Ohr vorüber und dann grübelte ich über meine Frage nach. die ich schon immer wieder ängstlich beiseite geschoben hatte und über die ich gar nicht nachdenken wollte: Wer mag ihr Mann sein ? Er war bei unseren Gesprächen nie erwähnt worden. Lebte sie nicht glücklich mit ihm ? Jedenfalls fühlte ich mich als ihr Ritter, und würde ihr mit allen Kräften helfen, wenn sie in Not wäre. So schlief ich endlich ein, wohl durch die starke, reine Luft ermüdet. Mit dem Wirt hatte ich noch ein längeres Gespräch gehabt, das sich natürlich um Frau Sanderson drehte und in dem er von einem Wohltätigkeitskonzert sprach, in dem sie mitgewirkt hatte und das einen überraschend großen Erfolg gehabt hatte. Er schilderte mir ihr berückendes Aussehen und die Begeisterung der Konzertbesucher an ihrem Gesang. Er erzählte, wie er sich freue, wenn sie in seinem Hotel ihre Mahlzeiten einnehme und daß er es sich nicht nehmen lasse, sie selbst zu bedienen. Am nächsten Tage, als es endlich wieder 10 Uhr geworden war, kam sie mir strahlend schön entgegen, ich weiß heute noch, daß sie eine hell violette Bluse trug, die sie besonders gut kleidete und ich war verlegener als je. Denn ich hatte den Eindruck, daß mir meine Gedanken und Gefühle auf der Stirn geschrieben stehen müßten und war froh, daß ich bei meiner Arbeit durch das Betrachten der entstehenden Zeichnung meine Verlegenheit verbergen konnte. Lillian Sanderson erzählte während der Sitzung viel von ihren Konzertreisen, schilderte auch die Schattenseiten und ich konnte, ihrer Stimme lauschend, ausgezeichnet arbeiten. Als sie mich beim Weggehen fragte, ob es mir Freude machen würde, mit ihr bei dem herrlichen Wetter eine Wagenfahrt zum Regenstein zu unternehmen, stimmte ich begeistert zu Der Wagen wurde bestellt und auf der Fahrt machte sie mich auf die Schönheiten der Landschaft aufmerksam, ich sah überall wundervolle Motive, aber ich hatte nur Interesse für die schöne Frau neben mir. Ob sie das spürte ? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich überglücklich, mit ihr die herrliche Fahrt erleben zu können. Nach dem Abendessen nach unserer Rückkehr lud sie mich ein, bei ihr noch etwas Musik zu hören, es sei noch so früh am Abend und im Hotel sei ich so einsam. Sie erzählte mir auch von ihrem schweren Schicksal und dabei lernte ich ihren Mann hassen. Mich ergriff ein tiefes Mitleid mit ihr, mein ganzer Zustand wurde mir plötzlich klar, ich liebte diese Frau über alles. Meine Schüchternheit fiel von mir ab, ich erhob mich, faßte ihre Hände, küßte sie und stammelte: "Ich liebe Sie, was kann ich für sie tun ?" und sie erwiderte: "Ich liebe, Dich auch." Wir fielen uns um den Hals und mein weiteres Schicksal war besiegelt. Ein größeres Glück konnte mir in meinem ganzen Leben nicht beschieden sein. Wir waren überglücklich. Wenn wir allein waren, sagten wir "Du" zueinander. Und dieses große Glück, das mir damals beschieden war, das ist geblieben, solange Lillian Sanderson lebte. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, sind fast 50 Jahre seither vergangen und noch heute staune ich darüber, wo ich damals als schüchterner junger Mensch den Mut hernahm, dieser bedeutenden Frau meine Liebe zu gestehen. Lillian und ich haben weit über ein Menschenalter bis zu ihrem Tode in vollster Harmonie zusammen gelebt, wir haben, umgeben von unserer Kunst uns gegenseitig zu neuem Schaffen angeregt und eines hat das andere so gut verstanden, wie das wohl selten in einer Ehe der Fall gewesen sein mag. Wir beide haben, stets von Schönem umgeben, das Beste genossen, was die Erde einem Menschenpaar zu schenken vermag. An diesem denkwürdigen Tage verließ ich Lillian später als sonst und als ich mich vor der Mühle nach ihrem Fenster umwandte, da schob sie die Gardine zurück und blickte mir noch lange sinnend nach. Doch mich hielt es noch bei der Mühle, ich konnte noch nicht nach meinem Hotel zurückgehen, solange ich das Licht in ihrem Fenster sah. Und plötzlich sah ich, wie auch sie nochmals nach mir Ausschau hielt. Als das Licht erlosch, wandte ich mich zum Gehen, ich befand mich in einer noch nie gefühlten seelischen, feierlichen Stimmung, als ich am Mühlbach entlang ging, der heute so viel von Liebe, Glück und Hoffnung murmelte und rauschte. Und all das Glück ist in Erfüllung gegangen. In Gedanken an meine Liebste lag ich noch lange wach. Stumm vor Glück standen wir uns am nächsten Tage gegenüber, lange sahen wir uns an, ohne zu sprechen, dann umarmten wir uns und wir fühlten beide, daß wir für immer zusammen gehörten und daß uns nichts auf dieser Welt trennen könnte. Das große Glück ist mir treu geblieben und auch der Tod meiner über alles geliebten Frau hat mich von ihr nicht trennen können. In meinem Hotel herrschte an diesem Abend gewaltiger Lärm, die Gäste brachen zu einer Brockenbesteigung auf und es war ein stetes Kommen und Gehen. Heute störte mich das nicht, ich lag im Dunklen und betrachtete in Gedanken mein Kleinod in meiner Brust, ich war wunschlos glücklich und schlief endlich ein. Gegen 4 Uhr am nächsten Morgen fuhr ich aus dem Schlafe hoch. Vor des Hotel ertönte ein langes Jodeln, das die Gäste zum Aufbruch nach dem Brocken weckte. Ich stand auf und sah mir den Jodler an, der die Besteigung des Brockens nicht mehr erwarten konnte, ich sah auch die anderen Bergsteiger, doch ihre Lust und ihre Gefühle ließen mich ganz kalt. Selbst für die vielen Liebespärchen, die mit von der Partie waren, brachte ich kein Verständnis auf, ich hatte vielmehr das Gefühl, daß sie alle die Liebe mit anderen Augen ansahen als ich. Mein großes Glück drängte mich nach einer Entladung und ich ließ meinerseits einen Jodler ertönen, der den eben gehörten weit in den Schatten stellte. Das Treiben der Hotelgäste vor dem Hause nahm kein Ende. Immer neue Scharen erschienen, die Berliner waren in der Überzahl. Mein Frühstück einnehmend sah ich dem Aufbruch verständnislos zu. Mein Weg ging nach der Mühle. Es war noch nicht 7 Uhr früh und ich wollte vorübergehen, sah jedoch ihre Fenster geöffnet und da ließ ich meinen schönsten Jodler ertönen. Mein Schatz kam zum Fenster, war erstaunt, mich in dem Jodler zu erkennen, lachte und lud mich ein. Der Kaffeetisch sei schon gedeckt. Auch den Müller und seine Familie hatte mein Krähen angelockt. Ich stürmte die Treppe hinan, doch ich konnte in Gegenwart des Mädchens nur die Hand meiner Liebsten heftig drücken. In meiner Verlegenheit betrachtete ich mir meine Zeichnungen, die mir recht gut gefielen, aber zum Zeichnen fehlte mir heute jede Lust. Als wir allein waren, drückten wir uns so herzlich, daß uns die Luft wegblieb, küßten uns schnell und setzten uns dann artig an den Kaffeetisch. Noch nie hatte mir der Kaffee so gemundet. Die Konfitüren amerikanischen Ursprungs waren mir unbekannte Genüsse. Wir wechselten mit Essen und Händedrücken ab, sahen uns glücklich in die Augen. Nur wenn das Mädchen ins Zimmer kam, waren wir artig. Was waren das für wundervolle Minuten und Stunden ! Das herrliche, windstille Wetter veranlaßte mich zum Vorschlag, mit der Bahn zum Brocken zu fahren und ich unterstrich diese Idee mit einem möglichst wohlklingenden Jodler, um das feinfühlige Ohr meiner Herzallerliebsten nicht zu quälen. Wir nahmen Ferngläser mit uns und mußten lange auf die Abfahrt des Zuges warten. Doch, was kümmerte uns das in unserem großen Glück. Ich mußte wohl recht still geworden sein, denn Lilly fragte mich, ob ich Sorgen hätte. Und da gestand ich ihr meine Furcht, sie wieder zu verlieren. Ihr Händedruck und ihr Blick in meine Augen nahm mir meine Angst und ich wußte, daß ich sie für immer haben wurde. So lieb und gut, so feinfühlig und vornehm, so begeistert für ihre Kunst, wie ich sie damals kennenlernte, so ist sie während unser fast fünfzigjährigen Ehe geblieben, eine Dame im besten Sinne des Wortes. Das Wetter blieb uns gewogen, wir hatten auf dem Brocken eine herrliche Fernsicht, alles war klar zu sehen, wie mit dem Messer herausgeschnitten und die Färbung der Landschaft wunderschön. Mein Malerauge genoß das Bild in vollen Zügen. Auch Lillian, die schon oft und zu allen Jahreszeiten den Brocken bestiegen hatte, meinte, sie hätte noch nie einen derartig schönen Fernblick gehabt. Übrigens wußte sie auch mit den Brockengespenstern gut Bescheid, sie kannte alle ihre Namen, sie kannte das Hexenwaschbecken, die Hexenaltäre, die Teufelskanzeln, den Hexenbrunnen und alle anderen Teufeleien und Hexereien. Der Brocken wimmelt von Ausländern, Engländer, Franzosen und oft wurde Frau Sanderson in einer fremden Sprache angesprochen, denn man sah ihr wohl an, daß sie keine Hiesige war. Meine Lilly, der Harz war mein Ziel damals, hier wollte ich Studien machen, überall fand ich Motive über Motive. Wenn ich jetzt daran denke, daß ich Dir erst abgeschrieben hatte, daß ich beinahe dicht an meinem größten Glück auf dieser Welt vorbeigegangen wäre! Ich habe Dir alles zu danken. Hättest Du mir damals nicht wieder geschrieben, so hätte ich wohl auch auf dem Brocken gesessen, hätte mit großem Fleiße meine Mappen gefüllt, aber wäre ganz allein gewesen und hätte nicht gewußt, was aus mir geworden wäre. Keine Frau auf dieser Welt wäre imstande gewesen, mir solche Perspektiven zu eröffnen, wie Du das tatest. Trotz meiner Jugend erkannte ich damals ganz richtig, daß Du die Frau für mein Leben warst und beim Niederschreiben dieser Zeilen packt mich meine große Trauer, daß ich jetzt allein bin, und ich wünschte, daß ich diese glückliche Zeit noch einmal erleben dürfte. Doch alles ist vorbei. Nur die Erinnerung, die mich auch nicht zu trösten vermag. Am Abend dieses unvergleichlichen Tages hielten wir es im Hotel nicht lange aus. Ich begleitete Dich nach einem Spaziergang im Mondschein nach Hause und ich erinnere mich, daß Du etwas abgespannt und müde warst. Wir sprachen auch über unsere Zukunft, Du schwanktest, ob wir nach Dresden gehen sollten oder uns in England niederlassen wollten und Du meintest, wir beide fänden mit unserer Kunst überall unser Brot. Ganz im Dunkeln, etwas abseits von der Mühle nahmen wir Abschied und drückten uns herzlich und ohne Ende und vor der Mühle waren wir ganz sittsam es war etwa so, wie in Max Klingers Radierung aus "Eine Liebe" - "Vor dem Tor". Um kein Aufsehen zu erregen, jodelte ich nur in Gedanken, ein Winken nach oben und von oben nach unten und ich verschwand spurlos in der Dunkelheit und hielt Zwiesprache mit dem Bache, den ich in meinem Glücke liebte und zum Vertrauten meiner seligen Gefühle machen konnte. Am nächsten Tage war ich wieder ganz der Maler. Ich freute mich, recht lange zeichnen zu dürfen und fand den Beifall meines Modells. Wir ließen uns sogar das Essen aus dem Hotel holen, um Zeit zu sparen, denn wir wollten am nächsten Tage eine Wanderung durch Okertal machen. Lillian Sanderson war ein vorzüglicher Wanderer. Auch dieser Ausflug steht heute noch mit voller Deutlichkeit vor meinen Augen. Quedlinburg, Goslar, Wernigerode, die Tropfsteinhöhlen bei Rübeland.- Später wurden die Ausflüge zu kurzen Spaziergängen in der Nähe von Hasserode, denn Frau Sanderson brauchte ihre Zeit zum Studium ihrer Lieder, eine neue Konzerttournee stand bevor. Inzwischen waren auch meine Zeichnungen fertiggestellt und ich konnte nun dem Gesange meiner Lillian ganz ungestört lauschen. Freilich feilte sie die letzten Feinheiten meist in meiner Abwesenheit aus und ich merkte, daß auch zu ihrer Kunst nicht nur Stimme, Talent, Gefühl, Herz und Verstand gehörten, sondern immer und immer wieder Fleiß, wenn das Höchste erreicht werden sollte. Unser beider Ziele in der Kunst waren gleich: wir beide versuchten, ein Kunstwerk bis zur letzten Vollendung zu steigern. Wie viele Künstler erreichen dieses Ziel nicht. Sie werden vorher müde, verlieren die Lust oder ermangeln der Kraft und hüllen sich dann gern in Theorien, reden zu viel von Kunst, versteigen sich wohl gar und behaupten nun, daß sie Neuland suchten, um mit dem Alten zu brechen, Dabei übersehen sie, daß gerade im Alten noch so viel zu lernen und zu bauen ist. Voraussetzung ist freilich, daß sie zur Kunst berufen sind. Mein Zuhören bei Lillians Übungen hat mein Verständnis für Musik erheblich erweitert. Ihre Macht und Schönheit habe ich langsam so richtig kennen gelernt. Ich konnte mir niemand denken, der geeigneter gewesen wäre, meine interessierten Fragen auf dem Gebiete der Musik besser zu beantworten, als eben Lillian Sanderson, die studiert hatte, perfekt französisch und italienisch, ganz gut russisch und vorzüglich englisch sprach: sie hatte besondere Kenntnisse in der Literatur und verfügte über ein selten gutes Gedächtnis. So behielt sie z.B. ein ihr fremdes Gedicht nach einmaligem Lesen im Gedächtnis. In Windeseile waren die 4 glücklichen Wochen, die ich mit Lillian Sanderson erleben durfte, vergangen. Mit schwerem Herzen sahen wir den Abschied herannahen. Ich sah ihre tränengefüllten Augen, als wir am Bahnhof auf und abgehend den Zug erwarteten. Ihr nächstes Konzert in Leipzig sollte uns ein Wiedersehen bringen. Mir kam es zum Bewußtsein, daß für mich wohl der mächtigste Abschnitt meines Lebens begonnen hatte. Und auf der Bahnfahrt zogen alle glücklichen Stunden, die ich in Hasserode verleben konnte, an mir vorüber.

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In Leipzig bei meinen Eltern

In Leipzig suchte ich meine Eltern auf, um ihnen von meinem Glücke zu erzählen. Sie hatten viel Ungemach erlebt, denn die Weberei in Tschirnitz war im November 1893 abgebrannt, sie waren lange Zeit ohne Arbeit und Einkommen gewesen, hatten sich für kurze Zeit in Trattenbach in Niederösterreich aufgehalten mein Vater war dann zu seinem Bruder nach Roßbach in Böhmen gezogen und meine Mutter hatte Zuflucht bei ihrer verheirateten Tochter in Chemnitz gefunden. Endlich hatte mein Vater eine Stellung in Leipzig als Hausmeister erhalten und hatte meine Mutter zu sich kommen lassen. Mit größter Spannung lauschten meine guten Eltern meinen Worten, die Furcht, ihren Sohn, der sie schon immer unterstützt hatte, zu verlieren, stand im Vordergrund. Ich versprach ihnen eine baldige Besserung ihrer bedrängten Lage und konnte mein Versprechen einlösen. Meine Eltern konnten bei mir in Loschwitz ihre schönste Zeit verbringen. Schon nach einigen Tagen hielt ich den ersten Liebesbrief meiner Lillian glücklich in den Händen. Sechs eng beschriebene Seiten, die ich bald auswendig wußte. Die Konzertreise nach Leipzig und Dresden war endgültig festgelegt, schon in kurzer Zeit konnte ich hoffen, meine Lilly wiederzusehen. Wie ernst sie ihren Beruf nahm, geht daraus hervor, daß ich sie erst nach dem Konzert begrüßen sollte, wir wollten dann gemeinsam zu Abend essen und dabei wollte sie meine Eltern kennen lernen. Die Plätze, die sie für meine Eltern und mich hatte zurücklegen lassen, lagen hinten im Gewandhaussaale, damit sie uns nicht sehen und nicht abgelenkt werden konnte. Es war ein Kunststück, meine guten, schlichten Eltern zu ihren Plätzen zu bringen. Sie wären am liebsten an der Saaltür stehen geblieben. Das Gewandhaus war ausverkauft. Lillian Sanderson, ihre künftige Schwiegertochter, wurde mit jubelndem Beifall vom Publikum empfangen, sie trat als erste auf und war glänzend bei Stimme. In meiner Begeisterung war es mir schwer, ruhig auf meinem Stuhle zu sitzen und nicht aus der Rolle zu fallen. Meine Eltern wurden derart von Rührung übermannt, daß sie Tränen vergossen und waren nach dem Konzert so aufgewühlt, als wären sie selbst als Sänger aufgetreten. Sie saßen mit offenen Mündern da, als der Beifall aufbrauste und als der Sängerin die vielen Blumenspenden überreicht wurden und sie immer wieder Lieder zugab. Ein Wagen brachte uns zum Hotel, in das meine Eltern nicht eintreten wollten, weil es viel zu fein für sie sei. Der Kellner, der im Hotelzimmer noch mit dem Decken des Tisches beschäftigt war, wurde von meinen Eltern untertänigst wie ein Minister gegrüßt und es dauerte nicht lange, da erschien Lilly, vom Hotelbesitzer geführt. Wir umarmten uns und waren glücklich, uns wieder zu haben und meine Eltern standen verlegen über ihren ungenierten Sohn dabei. Sie brachten kaum ein Wort heraus und ich zweifle, daß ihnen das gute Essen gemundet hat. Mein Vater beruhigte sich später bei einer Zigarre und meine Mutter hatte alle Hände voll zu tun, ihre Tränen zu trocknen. Nach meiner Rückkehr vonHasserode nach Dresden hatte ich die Zeichnungen von Lilly gleich unter Kartons legen lassen und dabei durch den Buchbinder erfahren, daß in Loschwitz das Grundstück von Prof. August Reinhardt, einem Schüler Ludwig Richters, zum Verkauf stünde. Ich erwarb es, ohne Lilly etwas davon mitzuteilen. Zur Zeit ihrer Dresdner Konzerte unternahmen wir einen Spaziergang nach Loschwitz und ich wußte es so einzurichten, daß wir auch an diesem Hause vorüber kamen. Lilly sah das Relief Ludwig Richters an der Hauswand und ich erzählte ihr, daß Ludwig Richter hier in der Zeit von 1864 - 1870 die Sommermonate verbracht und gearbeitet hätte. Sie wünschte, das Haus auch einmal von innen zu betrachten. Ich holte den Schlüssel herbei und sie war so entzückt über die Fernsicht nach dem Erzgebirge, den Blick auf das Mückentürmchen bei Teplitz, die Sächsische Schweiz, die Elbe und so erfreut über meinen Bericht, daß Ludwig Richter hier gearbeitet hatte, daß ich mein Geheimnis nicht länger hüten konnte und sagte, das sei unser Haus! Ich werde ihre Freude darüber nie vergessen! Die Vorrichtungsarbeiten begannen, die Wünsche der künftigen Hausfrau wurden dabei berücksichtigt. Wir durchstreiften noch gemeinsam die Dresdner Museen und zu dieser Zeit setzte ich auch ihre Scheidung von ihrem Mann durch, der sie fast um alles gebracht hatte. In jedem Briefe, den sie mir nach den schönen Dresdner Tagen schrieb, fragte sie nach unserem Hause. Dort gingen die Arbeiten rüstig voran und ich arbeitete bereits dort, in dem ich mir Modelle hinbestellte und so entstanen schon im unfertigen Hause eine Anzahl von Studien. Ich ließ dann Lillys und meine Möbel ins Loschwitzer Haus bringen und Lillys 5-jährigen Sohn mit einem zuverlässigen Hausmädchen kommen. Das Haus war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Bald hatte ich alle Papiere für unsere Hochzeit in den Händen und wartete nur noch auf die Hauptperson. Wie oft bin ich zum Briefkasten gelaufen, um zu sehen, ob der erwartete Brief da sei Endlich meldete er mir ihre Ankunft für den 12. Juli früh 8 Uhr. Die Einfahrt des Zuges ließ viel zu lange auf sich warten. Endlich hielt ich sie in meinen Armen. Wir tranken in einer nahegelegenen Konditorei Kaffee und dabei sagte ich ihr, in einer Stunde gehe unser Zug nach Pirna. Sie fragte warum, -weshalb nach Pirna fahren, gehen wir denn nicht nach Hause? Nein, erst werden wir dorthin fahren und uns trauen lassen, weil dir die Stadt so sehr gefiel! Darüber war sie nun recht erfreut und am 12. Juli 1900 vormittags 11 Uhr wurde unser Ehebund in Pirna vollzogen. Zwei Beamte vom dortigen Rathaus waren unsere Trauzeugen. Nach der Amtshandlung hatten wir uns viel zu erzählen. Besonders glücklich machten mich die vortrefflichen Kritiken ihrer Kunst. Ich schämte mich schließlich meines vielen Händedrückens und der vielen Versicherungen, wie lieb ich sie hätte - aber auch diese Gefühle mußte ich loswerden neben der großen Linie. In fröhlichster, glücklichster Stimmung besichtigten wir die Stadt. Wir sahen Canalettos wundervolle Ansichten von der Stadt vor Augen, dann saßen wir an der Elbe, sahen die Schiffe an- und abfahren und waren glücklich, uns endlich für immer zu haben. Dann fuhren wir mit dem Schiff nach Loschwitz, kletterten den Steinweg hinan und waren endlich daheim. Ich freute mich des Glückes, das meiner Frau aus den aus den Augen strahlte, als sie ihr Kind in die Arme schloß und ihr Heim von oben bis unten besichtigte. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir vor dem Hause unter den Kastanien und sprachen über unsere Zukunftspläne. Auch heute, als 75jähriger kann kann ich die glücklichen Gefühle von damals nicht in Worte fassen, und beim Schreiben dieser Zeilen komme ich meiner lieben, unvergeßlichen Frau wieder ganz nahe. Und die Erinnerungen an sie, die inzwischen so still von mir gegangen ist, hellen das Dunkel um mich etwas auf und lindern die Trauer, die mich seit ihrem Heimgange erfüllt.

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Kopien nach alten Meistern

Kopien nach alten Meistern schon in Meißen, als Schüler der Zeichenschule in der Porzellanmanufaktur hatte ich viel von der weltberühmten Gemäldegalerie gehört und stark gehofft, dieselbe auch mal sehen zu können. Als ich meine Aufnahmearbeiten bei der Akademie einreichte, sah ich mir auch die Stadt Dresden von außen an. Als ich zur Galerie kam, war dieselbe leider schon geschlossen, aber der Bau mit seinen wertvollen Kunstschätzen machte schon einen gewaltigen Eindruck auf mich. Ich wurde aufgenommen, und wir Akademiker hatten freien Eintritt in die Gemäldegalerie. Wie war ich erstaunt, als ich zum ersten Male weltberühmte Kunstwerke sah! Viele kannte ich schon durch die Abbildungen - nun sah ich die Originale! Welch ein ein Genuss und Antrieb für mich. Ich hoffte, nun recht bald an die Malerei zu kommen, um dann besondere Lieblinge von Kunstwerken auch kopieren zu können - denn viele Kopisten sah ich bei der Ar-beit. Manche Kopien recht gut, aber auch viele recht minderwertig: in der Zeichnung schlecht, die Farbe ganz abweichend und der Gesichtsausdruck bei manchen Köpfen ganz anders als auf dem Original. Als Malschüler ver-suchte ich "Das lesende Mädchen am Fenster" von Jan Vermeer van Delft, welches mir auch ganz gut gelang und meinem Lehrer, Leon Pohle, sehr gut gefiel. Ich dachte, dafür eine große Summe zu verdienen, wurde aber recht enttäuscht, als ich nur 30 Mark bei einem Antiquitätenhändler erhielt und er es mir eigentlich nur aus Gnade abkaufte. Später sah ich mein Bild wieder, glänzend im kopierten Originalrahmen und als besonders gute Kopie -- es hatte mehrere hundert Mark gekostet, sagte mir der Besitzer. Ich habe sie sehr gelobt und betont, daß er einen guten Kauf gemacht habe, gab mich aber als Schöpfer nicht zu erkennen, - wenn auch der Maler Richard Müller hieß. Als Lehrer an der Akademie habe ich sehr viel kopiert und dabei mich sehr im Malen entwickelt und viel dadurch gelernt. Allerdings muß man sich vollständig unterordnen und auf das zu kopierende Original eingehen. Genau dieselbe Leinwand, dasselbe Gewebe oder die dick oder dünn präparierte Holztafel wählen, denn sonst wird schon die äußere Erscheinung der Kopie eine andere, zu glatt oder zu rauh. Schon mit dem Aufzeichnen habe ich es ganz genau genommen, daß alle Maße in sich stimmen, ob dick oder dünn einzelne Stellen gemalt sind, oder nur Lasuren zu bemerken sind. Doch nur so hat es einen Zweck, den verschiedenen Meistern : Giorgione, Tizian, Ruisdaels, Rembrandt, Velasquez , Van Dyck usw. auf ihre Eigenart nachzuspüren. Alle Risse und Schäden, die im damaligen Zustand zu sehen waren, habe ich mit gemacht und mir die größte Mühe gegeben, um meine Kopie mit dem Original verwechseln zu können - natürlich auch genau dieselbe Größe. Wenn man so kopiert, stellen sich auch viele Käufer ein, wenn sie sehen, daß die Kopie dem Original zum Verwechseln ähnlich ist. Viele interessante Bekanntschaften habe ich dabei gemacht. Man nahm immer an - sobald das Bild etwa fortgeschritten war - es sei eine alte Kopie, die ich vor dem Original nur ausbessere. Selbst der ausgezeichnete Restaurator Prof. Hauser, München war dieser Meinung, als er mit Liebermann eine Weile zusah. Er gab mir den guten Rat, die Risse erst auszukitten und dann zu übermalen, als ich die Venus von Giorgine kopierte. Viele Kopisten, kümmern sich gar nicht um die Struktur der Leinwand oder ein dick gemaltes Bild malen sie ganz dünn und auch umgekehrt - und wundern sich dann, daß das Bild einen ganz anderen Ausdruck bekommt und schließlich sich auch kein Käufer meldet. Ja - er sucht das Original und vergleicht damit die Kopie. Was war es für mich für ein Genuß, alle diese Lieblinge in der bildenden Kunst an ihren Werken studieren zu können! Immer entdeckt man neue Reize und nie schöpft man ein so erstklassiges Kunstwerk vollständig aus! So habe ich im Laufe der Jahre die verschiedensten Gemälde der damaligen Königlichen Gemäldegalerie in Dresden kopiert : " Die Kupplerin " von Jan Vermeer van Delft, zwei Bildnisse von Anthonis van Dyck, "Bildnis eines jungen Mannes" von Anton Mor, " Bildnis des Grafen Olivarez " von Diego Velazquez, "Die Jagd " von Jacob von Ruisdael, "Ganymed " von Rembrandt, "Venus " von Giorgione und das "Bildnis eines Unbekannten" von Tizian. Auch die Sixtinische Madonna in Originalgröße zu kopieren hatte ich vor; leider kam dieser große Plan nicht zur Ausführung. Eigene Ideen hielten mich gefangen: Kompositionen, Radierungen, meine Pflichten als Lehrer - dann kam der erste Weltkrieg. Wenn ich an all diese herrlichen Werke denke, diese unvergleichlichen Vorbilder, dann frage ich mich auch : Wie ist es nur möglich, daß unter den jüngeren Künstlern so viel dummes Zeug gemacht wird, - als neue Kunst, als Neuland bezeichnet wird - glaubt man damit Fremde zu interessieren ?? Auch diese Auswüchse verschwinden wieder, aber müssen sie erst gemacht werden?! Nein! und noch mal Nein! Einige Kritiken der hiesigen Zeitungen über meine Kopien aus der Dresdner Galerie, als ich sie im Kunstsalon Emil Richter Prager Straße 1912 ausstellte : Dresdner Anzeiger vom 23. Juni 1912: Kopien nach alten Gemälden. Die Kopien nach Werken alter Meister sind zu verschiedenen Zeiten verschieden bewertet worden. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts standen sie in hoher Wertschätzung. Wenn damals die Sixtinische Madonna von Raffael oder irgendein anderes berühmtes Gemälde unserer Galerie von einem Maler kopiert worden war, so erschien alsbald in einem der Dresdner Blätter ein Aufsatz, in dem die Kopie ausführlich besprochen und gewürdigt wurde. Die Kopie eines solchen Werkes wurde als eine bedeutende künstlerische Tat angesehen. Diese Wertschätzung beruhte zum Teil auch darauf, daß der Besuch der Galerie damals keineswegs jedermann offen stand, sondern mit einem Dukaten erkauft werden mußte. Eine gute Kopie ermöglichte also vielen, denen ein Dukaten nicht leicht zu Gebote stand, ein Meisterwerk der Galerie wenigstens in der Kopie zu sehen. Diese Ursache zur Schätzung der Kopien fiel weg, nachdem die Galerie dem allgemeinen Besuch geöffnet worden war. Es wurden auch der Kopisten immer mehr und die Güte wurde geringer, weil sich meist nicht hervorragende Künstler mit Kopieren beschäftigten. Daraus ging allmählich eine immer steigende Geringschätzung der Kopien überhaupt hervor, die in ihrer Verallgemeinerung nicht berechtigt ist. Diese Anschauung hat Graf Schack mit Wort und Tat gründlich bekämpft. Durch Franz v. Lenbach ließ er sich eine ganze Reihe berühmter alter Gemälde in Rom, Florenz, Madrid kopieren, die jetzt einen bedeutsamen Bestandteil der Schackgalerie ausmachen, und in dem köstlichen Buch über seine Gemäldesammlung verteidigte er seine Ansicht über Kopien mit warmen Worten. Wir lesen da u.a.: "Das schönste künstlerische Geschenk, das ein König seinem Lande zu bieten vermöchte, wäre ein Museum, worin die auf der ganzen Erde zerstreuten Hauptwerke der Malerei in vorzüglichen Kopien einen Platz fänden. Denn eine gute Kopie vermag ein so vollständiges Bild des Originals zu liefern, daß der Unterschied zwischen beiden, wenn nicht ganz aufhört, doch bis auf ein ganz Geringes verschwindet; daß jedenfalls, wenn die genaue Betrachtung auch kleine Unterschiede ergibt, mindestens dieser Unterschied für den Kunstgenuß völlig unerheblich ist. Als ein sicheres Kennzeichen von ungebildetem Dilettantismus hat es mir von jeher gegolten, wenn Besucher von Galerien das Wort Kopie mit einer gewissen Verachtung im Munde führten. Eine Kopie kann ein wahres und echtes Kunstwerk sein, ebenso wie eine ausgezeichnete Übersetzung; denn sie wird, wenn sie gut ist, nicht auf mechanische Weise hervorgebracht, sondern es gehört eine bedeutende künstlerische Kraft dazu, um sie ins Leben zu rufen. Vorzügliche Dichter sind zugleich die besten Übersetzer gewesen, und Schillers Verdeutschung der Iphigenie des Euripides ist vielleicht die schönste, die es von einer antiken Tragödie gibt; so wird auch nur ein hervorragender Maler, der nicht allein alle äußeren Mittel der Technik beherrscht, sondern sich auch mit ganzer Seele in sein Original versenkt und mit Begeisterung nach dessen Reproduktion ringt, dasselbe befriedigend wiedergeben zu können. "Eine einzige solche wirklich wertvolle Kopie eines Meisterwerkes kann ganze Kunstausstellungen mittelmäßiger moderner Bilder, ja auch manche Galerie aufwiegen, deren Kataloge Hunderte angeblicher Originale verzeichnen". - An diese Worte des Grafen Schack erinnerten wir uns, als wir gestern im Kunstsalon Emil Richter die Kopien nach Giorgione, Tizian, van Dyck, Velazquez, Ruisdael und Anton Mor von Prof. Richard Müller sahen. Müller hat schon vor einiger Zeit für das Museum zu Barmen unser berühmtes Gemälde "Die Kupplerin" von Jan Vermeer van Delft kopiert, und zwar in so großartiger Weise, daß die Kopie die Bewunderung aller Kenner erregte. Die gleiche Bewunderung dürfen die gegenwärtigen Kopien beanspruchen, vor allem die ruhende Venus von Giorgione und zwei Bildnisse nach van Dyck. Richard Müller gehört zu den Scharfsehern unter den Malern; er erfüllt alle oben angeführten Forderungen, die Graf Schack an einen hervorragenden Künstler als Kopisten stellt, im vollen Maße. Er kopiert mit einer so vollkommenen Versenkung in die fremde Kunstanschauung und Technik, daß alles Persönliche ausgeschaltet erscheint. Die Kopien sind bekanntlich auch deshalb im Werte gesunken, weil man ihnen vielfach mit Recht nachsagt, daß sie den Stempel ihrer Zeit und des kopierenden Künstlers tragen. Bei den Müllerschen Kopien ist davon keine Rede; sie sind so genial unpersönlich, daß sie uns als das Ideal von Kopien erscheinen, die in der Gesamtwirkung wie in allen Einzelheiten vollkommen zuverlässig erscheinen. Sie sind in ihrer Art "wahre und echte Kunstwerke". Die Kopie der Venus von Giorgione ist wieder für das Museum zu Barmen bestimmt, welches das Schacksche Ideal einer Galerie von vorzüglichen Kopien oder wenigstens einer Abteilung von solchen innerhalb der Sammlung verwirklichen zu wollen scheint. Das ist ein sehr verdienstliches Unternehmen, und die Leitung des Barmer Museums hat den richtigen Mann für ihr Werk gefunden. (Paul Schuhmann) "Dresdner Neueste Nachrichten" vom 27. Juni 1912: Kunstsalon Richter. Giorgiones Venus hat die Galerie mit einem Ehrengeleit klassischer Bildnisse verlassen, denen sich Ruisdaels "Jagd" anschloß, und diese neueste Sezession hat ihr Heim an der Prager Straße aufgeschlagen, bevor sie Dresden ganz verläßt. So könnte man vor Richard Müllers Kopien meinen, die dem Original in jedem Riß und Sprung der Leinwand bis auf jeden Schaden des Rahmens mit unerhörter Treue nachgehen. Allein unermüdlichster Fleiß und die scharfsinnigste Beobachtung eines ganz hervorragenden Könners vermochten dies Virtuosenstücklein mit solchem Glück zu vollbringen. " Dresdner Nachrichten" vom 26. Juni 1912: Das Hauptinteresse der derzeitigen Ausstellung sind im Hauptraum die Kopien nach Meisterwerken der Dresdner Galerie von Richard Müller. Sie kommen den Originalen so nahe als möglich und genügen in Betreff ihrer genauen Wiedergabe den denkbar größten Ansprüchen, so daß nur ganz gewiegte Kenner imstande sein werden, in Kleinigkeiten den Unterschied des Urbildes von der Nachbildung festzustellen. Am täuschendsten ist die Kopie der ruhenden Venus von Giorgione, weiche für das Museum in Barmen bestimmt ist, am wenigsten gelungen ist Müller die Kopie der "Jagd" mit den flüchtenden Hirschen von Jacob v.Ruisdael, bei der das Gesamtkolorit von dem des Originals abweicht. Das ist um so auffallender, als Müller sonst vollständig darauf verzichtet, einen subjektiven Zug in seinen Nachbildungen aufkommen zu lassen. Er geht sogar soweit, all die Sprünge und Defekte, welche die Urbilder in ihrem heutigen Zustand zeigen, auf die Kopie zu übertragen, er läßt in die sorgfältig nachgeahmten Rahmen die vorhandenen Beschädigungen anbringen und versieht seine Kopien mit Schildern, die in Form und Schrift denjenigen der Galerie bis auf das hinzugesetzte "Nach" vollkommen gleichen, er bemalt sogar seine Bilder von hinten, als sei die Leinwand alt. Die Selbstentäußerung kann also nicht weiter getrieben werden. Andere berühmte Kopisten in alter und neuer Zeit sind darin nicht so weit gegangen. Ihre Arbeiten sind daher nicht entfernt so authentisch, wie diejenigen Müllers. Ob sie deshalb weniger wertvoll und lehrreich sind, das ist eine Frage, die auf einem anderen Blatte steht. (H. A. Lier) Herr H. A. Lier irrt sich, wenn er sagt, daß die Kopie "Jagd" von Ruisdael im Gesamtkolorit vom Original abweicht. Der Gesamtton ist auf meiner Kopie genau richtig getroffen wie auf dem Original. Darum sollte ich den Ton ändern? Bei strengem Kopieren muß er doch genau so werden wie am Vorbild - der Ton kann ja da gar nicht anders werden; ich möchte sagen, es ist doch eigentlich gar kein Kunststück, den Ton genau so zu malen, wie am Vorbild. Das ganze Bild in einem anderen Gesamtton zu bringen, wäre für mich doch gar keine Befriedigung gewesen. Auch recht interessante Bekanntschaften machte ich beim Kopieren: Der "Sänger ohne Stimme" , Dr. Ludwig Wüllner, der schon durch seine Größe auffiel, dieser außergewöhnliche Vortragskünstler - ich erinnere mich z, B. seiner unvergleichlich plastischen Gestaltung der "Glocke" und der "Kraniche des Ibykus" von Schiller; der feine Naturforscher Wilhelm Bölsche, Gustav Fressen, Gerhart Hauptmann, Peter Rosegger, Ludwig Heck, der Direktor des Zoologischen Gartens in Berlin; die zweite Frau von Hans von Bülow, eine reizende Dame mit großem Verständnis für Malerei; Akademiedirektor Anton von Werner, der alle Jahre zur Kur nach Kalrsbad ging und immer die Galerie dabei besuchte; Reinhold Begas - Bildhauer, ein großer, sehr gut aussehender Herr; Richard Friese, feiner Tiermaler ( wir besaßen ein großes Tierbild von ihm in Dresden "Wüstenräuber" ); Eduard von Grützner - München - ; Prof. L. von Kalkreuth, Direktor der Akademie in Weimar; Arthur Kampf - großer Könner und Direktor der Berliner Akademie; L. Knaus, feiner Künstler; der ausgezeichnete Radierer Karl Köpping, Paul Meyerheim; der Pianist Eugen d'Albert und J. L. Nicode, der Dresdner Komponist; die Sängerin Marie Götze von der Berliner Oper - alles Bekannte, die beim Kopieren zusahen, mich ansprachen und mit denen ich auch später in Fühlung blieb und viele andere mehr.

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Vorahnungen

Meine Frau hatte die Gabe, künftige Ereignisse im Voraus zu ahnen, ohne daß sie sich das zu erklären wußte. Entweder träumte sie von einem sie angehenden Vorfall oder eben sie hatte im wachen Zustande das bestimmte Gefühl, daß sich irgend etwas, was sie anging, zugetragen habe. Mir fehlte zunächst jedes Verständnis für diese Gabe, aber ich mußte mich bald davon überzeugen, daß diese Ahnungen keine Einbildungen waren. So hörte sie z.B., als ihr Vater starb, nachts dessen Stimme ihren Namen rufen. Die kurz darauf einlaufende Depesche bestätigte die Richtigkeit ihrer Ahnung, auch ließ sich feststellen, daß der Tod zu der Zeit eingetreten war, als sie die Stimme vernahm. Wir hatten schon einige Jahre in Loschwitz gewohnt, da sagte mir Lilly eines Morgens, in der vergangenen nacht sei ihre Mutter verstorben. Auf meine zweifelnde Frage, wie sie dies wissen wolle, erklärte sie, sie hätte das bestimmte Gefühl. Als wir uns am selben Tage im Garten aufhielten und den Postboten kommen sahen, meinte meine Frau, der bringe die Nachricht. Jedoch der Briefträger ging am Grundstück vorüber. Meine Frau meinte, der kenne wohl ihren Künstlernamen noch nicht. Kurze Zeit später kam der Bote zurück und fragte uns, ob in unseren Grundstück eine "Lillian Sanderson" wohne. Wir bejahten, ich nahm eine an meine Frau gerichtete Depesche in Empfang, ihr Text lautete: "Mutter nachts gestorben." Ich war sprachlos. Ein anderer Fall.: Ich besuchte zusammen mit meiner Frau in Wasserburg am Inn Prof. Schlittgen, um mir Bilder bei ihm für eine Kunstausstellung auszuwählen. Wir verbrachten mit ihm zusammen sehr nette Stunden. Längere Zeit darauf sagte eines Tages meine Frau zu mir: Schlittgen ist eben gestorben. Ich fragte verwundert, wie sie plötzlich auf Schlittgen käme. Sie wußte es nicht. Kurze Zeit später kamen wir wieder nach München. In der großen Kunstausstellung - Glaspalast - sahen wir in einem besonderen Raum eine Anzahl Bilder von Schlittgen hängen und darunter einen großen Lorbeerkranz. Meine Frau hatte mich auf diese Gedächtnisausstellung für Schlittgen aufmerksam gemacht. Im Sekretariat Ausstellung erfuhren wir die genaue Zeit von Schlittgens Tod. Er stimmte genau mit dem von meiner Frau genannten Zeitpunkt überein. Und noch ein letzter Fall: Wir hatten einige Tage vorgesehen, um in meiner Heimat zu jagen und zu fischen. Ich hatte mir in der Stadt noch Patronen besorgt und als ich nach Hause kam, fand ich meine Frau in Unruhe, sie sagte, es würde sich bei uns etwas schweres ereignen, aber der Tod würde nicht eintreten. Wir, meine Frau, mein Junge und ich waren alle drei gesund und ich konnte nicht an eine Krankheit denken. Am Morgen des nächsten Tages sollte die Reise beginnen. Und an diesem Morgen klagte mein Junge plötzlich über Leibschmerzen. Der herbeigerufene Arzt hielt sie für harmlose Blähungen. Mir erschien jedoch der Leib meines Kindes ganz unnatürlich ange-schwollen und ich ließ einen zweiten Arzt kommen, der die Mei-nung des ersten vertrat. Da der Leib des Kindes immer mehr anschwoll, zog ich einen bekannten Dresdner Chirurgen Dr. Müller vom Diakonissenhaus zu, der eine hochgradige Blinddarmvereiterung und einen Durchbruch feststellte, den beiden anderen Ärzten wegen ihrer falschen Diagnose schwere Vorwürfe machte und meinen Jungen zu einer sofortigen Operation gleich in seinem Auto mitnahm. Er machte mir nicht viel Hoffnung auf ein glückliches Gelingen des Eingriffes. Ich mußte mit dem Schlimmsten rechnen. Ich wohnte viele Tage im Krankenhaus und als ich meiner Frau die Größe der Gefahr nicht länger verheimlichen konnte, brach sie ohnmächtig zusammen. mein Kind schwebte 16 Wochen lang in Lebensgefahr. Infolge der aufopfernden Pflege meiner Frau genas das Kind dann bald. Das war damals ein schwerer Schlag, der unserem Glück versetzt wurde und noch heute sehe ich als alter Mann die schrecklichen Tage und Wochen in allen Einzelheiten sehr deutlich vor mir. Ich konnte aber bald meiner Arbeit wieder ungestört nachgehen und mich an der Entwicklung meines Kindes freuen, der in seinen Zügen und mit den schönen großen Augen seiner Mutter ähnelte. Lilly konnte ihre Konzertreisen wieder aufnehmen, die sie nach Rußland, Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, England usw. führten. Die Pausen zwischen den Reisen füllten wir mit Besuchen in meiner böhmischen Heimat aus, wo ich arbeitete und wunderbare Motive und Modelle fand Mein Verlangen, einmal die Alpen in nächster Nähe zu sehen, ihre klare Luft zu atmen, dort Studien zu machen, sollte 1906 in Erfüllung gehen, als ich mit Lillian und meinem Sohn Adrian nach St. Moritz fuhr. Auf der Reise nach Italien fährt man zu schnell an der Welt der Alpen vorbei. In Frankfurt wurde Station gemacht,um die Sehenswürdigkeiten zu genießen und um meinen Jungen durch die lange Fahrt nicht zu überanstrengen. Frankfurt war mir durch die freundliche Aufnahme, die mir Hans Thoma und seine Frau dort gewahrten, in angenehmer Erinnerung. Dort hatte ich, als ich mich 1898 zum erstenmal auf meiner Italienreise befand, im Zoologischen Garten verschiedene Studien gemacht, die Thoma so gut gefielen, daß er mir riet, mich in Frankfurt niederzulassen. Damals wußte ich noch nichts von Lillian Sanderson, insbesondere nicht, daß sie in Frankfurt 1887 - 88 und 1889 - 90 bei dem berühmten Sänger und Gesangslehrer Stockhausen Unterricht gehabt hatte. Ich wollte also auch sehen, wo sie damals gewohnt und wo Stockhausen gelebt hatte, dabei wurden leider aber auch sehr unangenehme Erinnerungen an die Schilderung meiner Frau von ihrer qualvollen früheren Ehe wieder in mir wach, die ich längst für verschüttet gehalten hätte. Beim Besichtigen all der Frankfurter Schönheiten ka-men wir dann endlich wieder auf andere Gedanken. Dann ging unsere Fahrt - lang aber herrlich - bis St. Moritz, das im Vergleich zum heißen Frankfurt recht kühl war. Ich war von der wunderbaren Landschaft hell begeistert und machte mich gleich an einen Plan, der es mir ermöglichen sollte, viel zu sehen und viel zu arbeiten. Im Hotel Stahlbad, wo wir abgestiegen waren, erfuhr ich durch den Arzt Bernhardt von der alten italienischen Kopie der Sixtinischen Madonna. Es wurde behauptet, dieses im Hotel Batrutt befindliche Bild sei das Original und die Dresdner Madonna die Kopie. Ich stellte das Bild unschwer als eine Kopie fest. Der Ausdruck des Gesichtes war gewöhnlich, das Bild schlecht in der Farbe, die beiden Engel im Vordergrund waren Jungen, schmutzig und merkwürdig schwarz. Als hätten sie eben einen Ofen ausgekehrt. Auch fehlte oben ein ganzer Streifen des Bildes mit der Gardinanstange und den Ringen, an denen der grüne Vorhang hängt. Wie vornehm und edel war dies alles auf dem Dresdner Bilde, so überirdisch Ausdruck der Madonna und des Christuskindes, welche Harmonie und welch wundervoller Gesamtton liegt hier über dem ganzen Bilde. Ungefähr um 1906 herum wurde das Badruttsche Bild zum Vergleich nach Dresden gebracht. Eine Anzahl namhafter Kunstgelehrter aus allen Teilen Deutschlands, auch Bode, hatten Gelegenheit, die beiden Bilder in der Gemäldegalerie zu vergleichen. Das Dresdner Bild wurde einstimmig als das Original bezeichnet. Eine andere etwas veränderte alte Kopie der Sixtina besitzt auch das Museum in Rouen. Durch die Bemühungen des Bologneser Malers Carlo Cäsare Giovanini konnte die Dresdner Galerie für 20 000 Dukaten das berühmte Bild, Raphaels Madonna aus San Sisto erwerben, das bis dahin den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto zu Piaconza schmückte. Das Bild war 1754 unter der Regierung Rönig August III, nach Dresden gekommen. Der oben erwähnte Arzt Dr. Bernhardt besaß auch mehrere wundervolle Oelstudien Segantinis, die er als Gegenleistung für ärztliche Hilfe erhalten hatte. Im Museum von St. Moritz war Segantini mit großen Alpenlandschaften vertreten, großartige Naturschilderungen farbig wunderbar und ganz eigenartig, so die klare Gebirgsluft gemalt. Alle Bilder waren direkt vor der Natur entstanden und mit interessanten Staffagen aus dem Engadin versehen. In St. Moritz habe ich viel gemalt und gezeichnet , auch Zeichnungen leicht mit Wasserfarben getönt und alle Studien gleich an Ort und Stelle an Engländer und Amerikaner verkaufte, die sich zahlreich hier aufhielten. In Meloja besuchte ich Segantinis Frau, eine einfache freundliche Italienerin, die mir Arbeiten ihres Mannes zeigte, der 1858 in Arco geboren und 1899 im Engadin auf dem Schafberg an Blinddarmerkrankung gestorben ist. Ich unternahm Touren und das Bergsteigen bekam mir recht gut. Unser kleiner Adrian erholte sich prächtig. Ein besonderes Erlebnis war es für ihn, als er auf dem Rosseggletscher durch das Fernglas Gemsen sehen konnte. Auf unserer Rückreise besuchten wir den Bodensee, Lindau, Friedrichshafen, Konstanz und den Rheinfall bei Schaffhausen, das ein herrliches Motiv war, den ich viel gemalt und gezeichnet habe und der mich immer auf's neue begeisterte. Ich hatte immer Glück, ihn bei Hochwasser zu sehen, denn bei niedrigen Wasserstand soll er, wie mir wiederholt gesagt wurde, einen sehr zahmen Eindruck machen. Über das schöne Nürnberg mit all seinen Schätzen ging es dann wieder heimwärts, wo meine Frau als Sängerin und Lehrerin und ich als Maler, Zeichner, Radierer und Lehrer an der Staatlichen Akademie tätig waren.

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Der Weltkrieg

Foto:Im Kriege 1915

So kam die Zeit, in der sich am politischen Himmel langsam trübe Wolken zusammenzogen und wo man schon zweifelte, ob es nicht besser sei, daheim zu bleiben. Bekannte in Italien sahen mit großen Sorgen der Zukunft entgegen. Das törichte Gerede auch kluger Menschen, wie: Der Krieg könne höchstens 14 Tage dauern mit den modernen Waffen! oder es handele sich nur um ein österreichisches Problem, konnte den Krieg nicht aufhalten. Plötzlich war er erklärt und schon am 3. Tage wurde ich im Alter von 40 Jahren zum Heere einberufen. Schon 2 Tage später ging es nach dem Westen ab. Ich konnte per Auto schnell noch einmal nach Loschwitz fahren und von meiner Frau und Kind Abschied nehmen. Es wurde mir beim Betrachten meines schon schlafenden Jungen herzlich schwer und ich fühlte die schweren Gedanken meiner weinenden Frau. Vom Güterbahnhof Friedrichstadt ging die Fahrt ab und die Stimmung der Kameraden, es waren fast alle verheiratete Männer, war recht gedruckt. Jeder war mit den Gedanken bei seinen Lieben und legte sich wohl die Frage vor, ob er sie wiedersehen würde. Im dunklen lagen saßen wir eng zusammengedrückt. Und über 80 Stunden mußten wir so sitzen, die Beine schwollen uns an, wir durften den Zug auch bei Aufenthalt nicht verlassen. Auf meinem Vorschlag hin konnte sich dann jeder Kamerad eine Weile im Closett aufhalten und sich dort wenigstens frei bewegen. Es dauerte recht lange, bis der Buchstabe "M" dran war und dann mußte ich den ersehnten Raum auch bald wieder verlassen, weil ein anderer mit dem Buchstaben "M" auch den gleichen Genuß erwartete. Von Kriegsbegeisterung war nichts zu spüren. Wir hofften nur, daß bald noch ein Wagen angehängt wurde, damit wir uns einmal legen könnten. Die große Langeweile und das Nichtstun führten uns nach und nach zu allerhand Betrachtungen, Theorien, Politik, Religion, Kultur des Menschen, alles das wurde gründlich untersucht und viel dummes Zeug wurde ganz ernst behandelt. Mancher, der in seinem Leben nie an Weltbetrachtung gedacht hatte, trat als Redner auf und fühlte sich in seinem Sprechanismus, man hätte sich totlachen oder aber über ihn herfallen können. Da hatte mancher keine Ahnung von Politik und Weltgeschehen und Weltzusammenhängen. Kurz, auf diese Gespräche folgten Witze, helles Auflachen ertönte und manchmal wäre es auch bald zu Schlägereien gekommen, wenn sich der Redner nicht ganz geehrt fühlte oder zu stark gehänselt wurde. Langsam vergaß man den Ernst der Situation, und doch wußte keiner was ihm bevorstand und wo wir eingesetzt wurden. Bald hörten wir das Donnern der Geschütze, das Einschlagen und Explodieren der Geschosse. Es war in der Richtung nach der Festung Givet. Wir marschierten oben vom Gebirge herab über Anserenne in die schon brennende Stadt Dinant ein. Wir waren mitten im Feuer, aus allen Ecken wurde geschossen und ein jeder war auf seine eigene Haut bedacht. Bald wurde es ruhiger und wir bezogen unsere Quartiere in Ruinen von abgebrannten Häusern. Der Name der Stadt Dinant war mir durch den Maler Antonio Joseph Wiertz 1806 - 1869 geläufig. Als bald Schreiber, Zeichner, Photographen, Maler, Techniker ausgesucht wurden, meldete ich mich als Zeichner und wurde dem Stabe zugeteilt und wurde überall hingeschickt, weil meine Zeichnungen ganz besonders durch Richtigkeit, Licht und Schatten und bildmäßige Auffassung auffielen. Ich erhielt besondere Aufträge und fand zwischendurch auch Interessantes für meine eigene Zeichenmappe. Als ich nach der Festung Givet gesandt wurde, wußte ich, daß in Girges die Überreste von Graf Egmont und Horn bestattet waren, die am 5.6.1568 in Brüssel enthauptet worden waren und der Pfarrer zeigte mir ein freundliches Entgegenkommen, führte mich in die Kirche und ließ den Podest vor dem Altar wegnehmen. In einem schon geöffneten Bleisarg lagen die Skelette der beiden, die Schädel zwischen den Beinknochen. Der Name Egmont hatte durch Beethoven einen besonderen Klang für mich, ich hatte nie gedacht, daß ich einmal seiner sterblichen Hülle gegenüberstehen wurde. Ich machte mich sofort ans Zeichnen, das recht schwierig war, denn ich mußte mich, um durch die schmale Öffnung im Boden sehen zu können, auf den eiskalten Steinboden legen. Infolge meiner Zeichenausflüge und weil ich oft an Transporten von Truppenteilen, Pferden, Holz usw. teilzunehmen hatte, lernte ich ganz Belgien kennen. Namur - der Maler u. Radirer Rops stammte hierher - interessierte mich sehr. Ich lernte Löwen mit seinem wundervollen Rathaus kennen. In der dortigen Universität lag ich einige Tage und habe dort aus Verzweiflung über das schlechte Wetter die Treppe von oben nach unten gezeichnet, (Eine Perspektivarbeit). In Mecheln habe ich viel im Dom gezeichnet. An Brüssel denke ich mit Schaudern. Dort habe ich in einer Hundekälte im Güterbahnhof in einem eisernen Regal geschlafen und die ganze Nacht wie ein Hund gefroren, da ich ganz durchnäßt war. In Antwerpen habe ich die Forts gezeichnet, leider waren alle Museen geschlossen. Die Werke von Rubens und van Dyck waren nicht zu sehen. Ich mußte viel an Wilhelm Busch denken, der in seinen Erinnerungen viel von Antwerpen erzählt hat. Hier überraschte mich General von Falkenhayn beim Zeichnen, Er zeigte sehr großes Verständnis für das Blatt und fragte: Sind sie etwa Richard Müller? Als ich das bejahte, erzählte er, daß er viele Arbeiten von mir von Ausstellungen her kenne. Als er erfuhr, daß ich schon eine Reihe von Zeichnungen in belgischen Städten gefertigt hätte, meinte er, das würde Majestät sehr interessieren. Er stellte mir ein Auto zur Verfügung, ich sollte alle meine Zeichnungen zusammenholen und sie nach dem Hauptquartier bringen. Bald erhielt ich telephonischen Bescheid, daß der Kaiser sich sehr für die Zeichnungen interessiere, ich solle am 1. Osterfeiertag sein Gast sein, er wünsche mich nach dem Ostergottesdienst zu sprechen. Er interessierte sich auch für die technische Seite der Zeichnungen, d.h. ob Zeichnungen mit Bleistift, Tusche, Kreide usw. gefertigt waren. Bei Tisch sollte ich ihm alles ausführlicher erzählen. Bei der Tafel, es waren 2 Prinzen, insgesamt acht bis neun Herren zugegen - unterhielt er sich mit mir - ich saß ihm gegenüber. Er kannte fast alle meine Bilder von Ausstellungen und erwähnte besonders das Bild: "Mäuse in der Glasglocke" . Man hätte, so meinte er, das Bild höher hängen müssen, um die Feinheiten der Arbeit noch besser erkennen zu lassen. Auch fragte er nach dem Verbleib des Bildes: "David und Goliath". Ich war über das große Interesse ebenso erstaunt, wie darüber, da Kaiser so gut über meine Arbeiten informiert war. Bei der Erwähnung des Namens meiner Frau entsann er sich ihrer genau, auch wußte er, daß ein Hofkonzert, in dem meine Frau singen sollte, wegen Bismarcks Tod abgesagt worden sei. Größtes Interesse zeigte der Kaiser auch an Böcklin, Lenbach, Stuck, Klinger, Stauffer-Bern, Geyger, Leibl. Stuck wollte mir später die hohe Meinung des Kaisers über seine Kunst gar nicht glauben, er nahm an, daß man in Berlin und bei Hofe seine Kunst nicht hoch schätzte. Ein Gesuch der Dresdener Kunstakademie um meine Beurlaubung zur Weiterführung meiner Lehrtätigkeit wurde genehmigt. Die Freude über das Wiedersehen mit Frau und Kind war groß. In Dresden spürte man den Krieg schon recht an der Ernährung.

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Die Akademie nach dem Kriege

Nach dem Umsturz schlossen sich die Modelle, ob alt oder jung, ob schön oder häßlich, eng zusammen. Sie nahmen eine künstlerfeindliche Haltung ein und stellten Forderungen. Sie wollten alle gleichmäßig beschäftigt sein und regelmäßig verdienen. Jüngere Modelle sollten den älteren nicht mehr vorgezogen werden, ebensowenig weibliche den männlichen. Ich war als starker Mann von der Akademie zu den Versammlungen der Modelle abgesandt worden, um Rede und Antwort zu stehen. Dabei erlebte ich Radauszenen, man prügelte sich, spuckte sich an und riß sich an den Haaren. Schließlich blieb alles so, wie es gewesen war und immer es ja auch bleiben mußte, daß nämlich jeder Künstler selbst bestimmte, welches Modell er für sein Werk braucht. Merkwürdig war, daß auch einige Künstler der geschilderten Idee der Modelle nicht ganz abhold waren, obwohl sie in der Praxis natürlich genau so gehandelt hatten, wie jeder normale Mensch gehandelt hätte. Auch Mensa" der Mittagstisch der Akademieschüler war durch den Krieg schwer betroffen worden. Sie befand sich am Pirnaischen Platz in Dresden. Da sie dort nicht mehr zu halten war, richteten wir sie in der Akademie selbst ein, um den Schülern, die meisten waren einberufen, und den zurückgekehrten Kriegsverletzten ein billiges Mittagessen zu ermöglichen. Durch diesen Restaurationsbetrieb kam etwas in die Akademie, was nicht in eine Schule gehört. Auch die Reihen der Lehrer lichteten sich. Der Landschaftsmaler Prof. Eugen Bracht ging ab, der Malsaalprofessor Oskar Zwintscher starb schon am 12.2.1916, Gotthardt Kuehl, der ausgezeichnete Organisator der Dresdener Kunstausstellungen und sehr bekannte Maler starb, Carl Bantzer hatts die Altersgrenze erreicht und zog sich nach seiner Heimat zurück. Prof. Robert Diez starb, Prof. Emanuel Hegenbarth, ein sehr guter Tiermaler und Schüler von Zügel starb ebenfalls. Die neuen Kräfte konnten den ausgezeichneten Ruf der Akademie nicht allenthalben rechtfertigen; sie hatte damals ihren Höhepunkt erreicht und überschritten. Auch des Ministerium war nicht mehr das alte. Ich möchte sagen, das Pflichtgefühl und das Bestreben, der Sache zu dienen, ließen zu wünschen übrig. Auch auf Ausstellungen fand man jetzt vielfach Arbeiten, nicht Kunstwerke, die enttäuschten. Ich habe das im Vorstand des Kunstvereins und als Rektor der Akademie gründlich zu spüren bekommen und in der Praxis gründlich kennen gelernt. Leute mit ganz geringem Können sprechen überall mit und erzählen von neuen Problemen in der Kunst. Die Kritik machte mit und fand sie richtigen Worte für den Unterbau der Verfallserscheinungen. Aber, der Schüler, der einst als Künstler in der Welt Aufsehen erregen soll, muß ganz frei sein. Gewöhnlich kommt er vom Handwerk zur Kunst - als Stubenmaler, Lithograph, Porzellanmaler, Holzschneider, Steinmetz, Stukateur, Holzbildhauer - er muß sich so gründlich des Studiums der Natur befleißigen, daß ihm keine Zeit bleibt, nach rechts und links zu sehen. Der Schüler muß sich überdies bilden, so in der Anatomie, Perspektive, Architektur, Kunstgeschichte. Er muß wissen, was auf all diesen Gebieten schon geleistet worden ist. Ist er nicht fleißig und immer wieder fleißig, so nützt ihm sein ganzes Kunstgetue nichts. Talente sind immer da, aber vielfach wird es an wirklichen Könnern fehlen, die sie führen. Vor allem muß der Schüler richtig und zielbewußt studieren, später findet er dazu keine Zeit mehr. Dann reizen ihn auch eigene Ideen zu bestimmtem Schaffen, dann muß er soviel können, daß er diese Ideen auch verwirklichen kann. Das verstehst sich doch eigentlich alles von selbst. Aber es galt damals als unmodern, die Natur zu studieren. Alles sollte von innen heraus geschaffen und geschöpft werden - was aber dann, wenn innen nichts vorhanden ist ? Erst muß einmal etwas in sich aufgenommen werden ! Der Schüler muß kennenlernen, was vor ihm schon an Großem in der bildenden Kunst geleistet worden ist! Auch Studien können Meisterwerke sein, wie das große Künstler bewiesen haben. Allmählich kamen die politischen Wellen wieder mehr zur Ruhe. Der Verkehr richtete sich langsam wieder ein. Auch in der Akademie kam das Leben wieder in die gewohnten Geleise, eine Anzahl Schüler - viele waren gefallen - füllten die Ateliers wieder. In diesem Zusammenhange gedenke ich nochmals der "Mensa" des studentischen Mittagstisches, der es wenig bemittelten Akademikern gestattete, in eigenen Räumen ein billiges, nahrhaftes Essen einzunehmen. Die Mittel flossen der Mensa durch den Gewinn zu, den das jährliche Gauklerfest der Akademiker abwarf. Es war ein Künstlerfest, das in jeden Winter stattfand und an dem ganz Dresden wärmsten Anteil nahm. Immer glänzend besucht, erzielte es einen Reingewinn, der die Aufrechterhaltung der Mensa bis zum nächsten Feste mit Leichtigkeit ermöglichte. Eingeleitet wurde des Fest durch einen Umzug, der Reklame machen sollte, und schon hierbei konnten die Dresdner recht witzige, geistreiche und originelle künstlerische Einfälle bestaunen, die meist energisch auf die Lachmuskeln wirkten! Beim Feste selbst waren die merkwürdigsten, teils urwüchsigsten Aufführungen zu sehen, die die Künstjünger boten und mit denen sie die Festgäste von abends bis früh köstlich unterhielten.

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Otto Greiner

Das Bild"Japanische Tanzmäuse in der Glasglocke auf einem roten Tisch" entstand im Jahre 1910 in Loschwitz. Es erregte auf Ausstellungen durch die feine Naturbeobach-tung der Mäuse und feinster Durchführung der Einzelheiten und nicht zuletzt durch die Farbe immer großes Aufsehen. Die Ausstellungsleitung in Rom bat mich, dieses Bild zur Ausstellung zu schicken und erwähnte auch, wann dasselbe dort in der Ausstellung eintreffen mußte. Rechtzeitig sandte ich durch die Post das Bild, wohl schon 14 Tage vorher traf das es dort ein. Nach der Eröffnung ließ ich mir einen Katalog schicken und wunderte mich, daß das Bild im Katalog nicht erwähnt wurde und auch nicht ausgestellt war. Nach Schluß der Aus-stellung erhielt ich das Bild wieder zurück, sah an der Verpackung, daß die Kiste ausgepackt worden war, also man das Bild gesehen hatte. Ich fragte bei der Ausstellungsleitung an und erhielt als Antwort, daß es zu spät eingetroffen sei und deshalb nicht ausgestellt werden konnte. Viele Jahre später war ich in Rom und der Kunstverein Dresden bat mich, bei der Witwe von Otto Greiner, (der im Weltkrieg gestorben war) mehrere Bilder, Radierungen und Lithographien für den hie-sigen Kunstverein in Dresden auszusuchen. In einer Lehrerversammlung erzählte ich über Rom und auch über die Werke von Otto Greiner und seinem Atelier, das früher Max Klinger inne hatte. Ich lobte sehr die Arbeiten, wenn auch manche Werke stark an Max Klinger erinnerten. Mein Lob über Greiners Werke war wohl Professor Richard Dreher (Lehrer an der Akademie) zu viel und er sagte mir: " Wissen sie nicht, daß Greiner seinerzeit dafür gesorgt hat, daß ihr Bild "Japanische Tanzmäuse in der Glasglocke" nicht ausgestellt wurde"? Das war mir natürlich ganz neu und endlich erfuhr ich den Grund. Das zu späte Eintreffen war also eine Ausrede. Das Bild fiel auch in Rom bei der Ausstellungsleitung sehr auf und Otto Greiner befürchtete, es könnte prämiert werden. Greiner kannte ich durch Max Klinger sehr gut und wenn ich in Rom war, besuchte ich ihn und er zeigte mir alle seine Arbeiten, zeigte mir Rom und seine Umgebung. Wir waren von früh bis Abend zusammen. Daß der Neid unter Künstlern soweit gehen kann, hielt ich bis dahin für ausgeschlossen. Natürlich konnte meine Einstellung zur Kunst von Otto Greiner dadurch nicht erschüttert werden. 1912 erhielt ich mein Bild "Ein Geistlicher" die große Österreichische Staatsmedaille in Gold. 1915 vom Carnegie- Institut in USA die große silberne Medaille auf das Bild "Leimers Ziege " , d.h., in Besitz habe ich sie wegen des Krieges nie bekommen. Als ich das Bild 1927 oder 28 zurück erhielt, wunderte ich mich sehr, daß man es bei dem schlechten Firnisüberzug, der es ganz gelb und braun erscheinen ließ, ausgezeichnet hatte. Die Dresdner Gemäldegalerie erwarb das Bild "Drei Hunde" Das Stadtmuseum kaufte das Bild "Im Sonnenbad " ein weiblicher Akt mit grünem Schirm. Ich habe es später auf Wunsch des Stadtmuseumsdirektors gegen ein Porträt meines Vaters, Kniestück mit einem Webschützen in der Hand, umgetauscht. Das Bild "Im Sonnenbad " stellt einen lebensgroßen Akt dar. Es wurde auf dem Balkon meines Hauses gemalt, und das Sonnenlicht verursachte auf dem Körper des Modelles, auf den es durch den grünen Schirm fiel, interessante Reflexe. Das Modell war eine Russin, die Frau einem Artisten, die mich bat, sie als Modell zu beschäftigen. Das Bild ist von Anfang bis Ende vor der Natur gemalt.

"Artikel von Franz Hermann Meissner über Müller, 1921"
"Jacob Breit über Richard Müller"

Über meine Entlassung aus der Akademie

Es war ein großer Fehler, einen ehemaligen Lehrer, der von Kunst nichts verstand, plötzlich zum Kultusminister von Sachsen zu ernennen, der von diesem Moment an glaubte, die Kunst allein bestimmen zu können. Dauernd hatte ich mit ihm in meiner Eigenschaft als Lehrer und vor allem als Rektor in den Sitzungen des Akademischen Rates- dem ich seit 1921 fast ununterbrochen angehörte - und in anderen Sitzungen Reibereien mit ihm. Da ich nun als Fachmann merkte, daß dieser Herr der Kunst ganz fern stand und ich ihn als Fachmann dauernd korrigieren mußte, trug er sich mit dem Gedanken, mich aus dem Wege zu räumen.

(Anmerkung: Ein Gremium dem ausser zwei Beamten noch die Professoren Otto Dix, Max Feldbauer, Georg Lührig, Ferdinand Dorsch, Wilhelm Kreis und Karl Albiker angehörten, wählte Müller 1933 zum Rektor der Dresdner Akademie. Am 6. April des gleichen Jahres bekam Müller vom Reichskommissar v.Killinger die dienstliche Anweisung, seinen Kollegen Otto Dix zu entlassen. Persönlich schätzte Müller Dix zwar wegen seines künstlerischen Könnens, lehnte aber seine "vulgären" Sujets und seinen Lebenswandel ab. [Pikanterweise wurde Müller 1935 aus ganz ähnlichen Gründen entlassen. Ausserdem gab es lt. Bericht der Malerin Käthe Matthaei *28.07.1915, Studentin an der Dresdner Kunstakademie 1933/34, massive Beschwerden der Modelle an das Rektorat bezüglich ständiger sexueller Belästigungen durch Prof. Dix] Richard Müller wurde 1935 aus dem Rektorenamt entlassen, u.A. wegen "zersetzender Tendenzen" in seiner Kunst. s.dazu: Ausschnitt 1Ausschnitt 2
Nach seiner Enlassung schlug sich Richard Müller bis 1945 mit Auftragsarbeiten durch. Sein einziger großer Auftrag war eine Zeichnungsserie zu den "Stätten des Führers", über die er nachfolgend Aukunft gibt.
Es waren dies eine Serie unspektakulärer Landschafts- und Interieurzeichnungen ohne eigentliche politsche Aussage. Diese Zeichnungen erhielt Hitler jedoch nie. Immerhin war Müller 1935 aus der NSDAP, der er seit seiner Ernennung zum Rektor 1933 angehörte,wegen "Bestrebungen, die der NSDAP zuwidergehandelt" hätten (§ 4 Abs.2b der Satzung) ausgeschlossen worden. Zudem hat Hitler persönlich Richard Müller am 1. März 1935 in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Umso seltsamer, dass wenig später der sächsische Reichsstatthalter Martin Mutschmann, auf dessen Anordnung Müller kurz vorher entlassen worden war, diesen mit der Schaffung einer Serie von Zeichnungen, die Hitlers Kindheit und Jugend illustrieren sollten, die Hitlers Kindheit und Jugend illustrieren sollten, beauftragte. Das war wohl keine gute Idee, weil zum Ersten Hitler nur ungern an seine miserable Kindheit erinnert wurde und es sich zum Zweiten um Arbeiten eines durch Parteiausschluss und Entlassung quasi "geächteten" Künstlers handelte. So blieben die Blätter in Dresden. Sie landeten im Depot des Stadtmuseum und wurden später an R.Müller zurückgegeben.) Weiter unten im Text berichtet Richard Müller über die ganze Geschichte.
1948 wurde Müller ein Prozess gemacht, in dem ihm die Organisation der Ausstellung "Spiegelbilder des Verfalls" in Dresden - Vorläufer der Ausstellung über Entartete Kunst - zur Last gelegt wurde. Trotz der berüchtigten stalinistischen Prozessführung in dieser Zeit wurde Richard Müller von diesem Vorwurf freigesprochenund als "Minderbelastetet" eingestuft ( die Direktive 38 des Kontrollrats besagt: Minderbelastet ist insbesondere...Wer ohne Hauptschuldiger zu sein zwar als Belasteter erscheint, sich aber frühzeitig vom Nationalsozialismus und seinen Methoden unzweideutig und offenkundig abgewandt hat.) Sowohl Dr. Fritz Löffler, der Nestor der Dresdner Kunstgeschichte als auch Paul König, der damalige Verwalter des Dresdner Stadtmuseums, bestätigten, dass Müller nicht am Aufbau jener Ausstellung beteiligt war. Lediglich ein - ihm selbst später peinlicher - Zeitungsartikel über die Schau im Lichthof des Dresdner Rathauses, den er im Auftrag des Dresdner Bürgermeisters Zörner verfasste, wurde ihm vorgeworfen. Hier die offizielle Aussage der Dresdner Kunsthochschule  zu den Vorwürfen, die Müllers Wirken in viel positivererem  Lichte zeigt als es die Kunstgeschichtsschreibung bis dato beschreibt:
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Hier Müllers Stellungnahme, 1948 formuliert im Schriftsatz an das Gericht:
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Der Tod meiner Frau und letzte Gedanken

Meine über Alles geliebte Lilly!
Immer sind meine Gedanken bei Dir, als wärest Du immer noch in unserem Hause und ich könnte mit Dir sprechen. Ob es ein Weiterleben nach den Tode gibt, der den Überlebenden mit dem Toten verbindet? Ich halte es für ganz ausgeschlossen. Nur wirkliche Liebe und richtiges verstehen bei Lebzeiten ver­bindet beide auch nachher noch in Gedanken, Phantasie, die schönen Erinnerungen treten heraus oder helfen mit und es kann zum stillenden, beruhigenden Gefühl werden, wenn sich der Überlebende in Gedanken so mit dem Verstorbenen vereinigt. Stirbt er aber auch, dann ist das Fortleben zu Ende, anders kann es doch garnicht sein, es wäre doch naturwidrig. Wie unglücklich bin ich, daß ich Dich Geliebte, den besten Menschen der Welt nicht mehr habe! Auch mein Leben ist mit Deinem Ableben schon zu Ende. Meine Kunst und sonst überhaupt, Musik, Literatur gaben mir noch etwas Halt und ein ganz klein wenig Freude, aber leider habe ich zu wenig Zeit. In der Haus­wirtschaft gehe ich vollständig unter. Als Du meine Geliebte mir an 8. April 1947 nach Tisch sagtest: (ich hatte einen Arbeiter bestellt, der mir im Garten mithelfen sollte und ich alle 1/4 Stunden zur Dir kam und Dich nach Deinen Wünschen frug) "Bitte bleibe bei mir, die Nacht ist meine Uhr abge­laufen und mein Leben zu Ende", gab ich Dir zur Antwort: "Bitte sprich doch nicht so, es sind doch wie Dolchstiche für mich". "Ja, es fällt mir auch so schwer, mich von Dir zu trennen und es tut mir so furchtbar leid, Dir soviel Kummer und Leid zu bereiten, aber es kommt so"! Ich hatte immer eine Angst vor deinen Vorahnungen und vor dem Abend und sah mein Unglück schon vor mir. Ich sagte Dir: " Nur einen Augenblick, ich will dem Arbeiter nur sagen, daß er allein weiterarbeiten soll und dann bleibe ich bei Dir." Ich hoffte im stillen zwar immer noch, daß Deine zwar immer bestimmten Vorahnungen einmal nicht eintreffen worden, sich nicht erfüllten, zumal Du ganz normal warst, eigentlich wie immer, an eine Gefahr garnicht zu denken war. Du hattest Mittag mit gutem Appetit gegessen, ich war im Inneren recht unsicher beobachtetete alles genau, bemerkte aber nicht das Geringste. Wir unterhielten uns wie alle Tage über alles mögliche. Dein ganz klares Denken, Deine Freundlichkeit und Sprechen war kein Zusammenfassen um mich noch über dieses oder jedes zu orientieren vor dem Abschied für Immer, nein, eine Unter­haltung wie sonst, wie Menschen, die sich verstehen, gern haben. Ich frug nach Deinen Wünschen "Tee"? "Ja, sehr gern." "Eine Butterschnitte"? "Ja, ach wie Du für mich sorgst". Beides war schnell zur Stelle und mit großem Appetit verzehrt und ich war glücklich, daß es meinem guten Schatz so geschmeckt hatte. Da Du eigentlich immer auf dem Rücken lagst, (auch im ganz gesunden Zustand) kaum die Lage des Körpers verändertest und ich so Dein liebes, gutes Gesicht gut sehen konnte, holte ich mein Reißbrett und Papier und zeichnete Dich. Wir unterhielten uns dabei und waren beide ganz guter Stimmung und ließ mir mein bevorstehendes Unglück eigentlich recht verschwommen erscheinen. Deine Stimme war so klar, eigentlich so, wie sich Menschen unterhalten, die durch Nichts getrübt sind. Dann und wann gabst Du mir die Hand, ich drückte sie, küßte sie, streichelte sie, packte sie wieder gut ein damit Du nicht frierst usw. Das war aber kein heimliches von Dir schon unmerkliches Abschiednehmen, nein, Freude, daß ich bei Dir war. Beide haben wir die Kälte im Zimmer garnicht gemerkt. Du warst ja gut eingepackt und hattest eine heiße Wärmflasche an den Füßen. Gegen Abend 8 Uhr gab ich Dir wieder zu Essen. Alles hast Du gegessen und eine Tasse heißer amerikanischer Trockenmilch dazu getrunken. Alles verzehrt mit Wohlbehagen. Ich habe Dir alles gereicht, damit Du die Hände unter der Bettdecke lassen konntest und nicht frierst und wir haben uns dabei gut unterhalten. Dann habe ich wieder gezeich­net, auch wieder das Zeichenbrett beiseite gestellt, mich über Dich gebeugt, Dich gestreichelt, alle möglichen Motive bespro­chen, nur um Dein Befinden ganz gründlich zu erforschen und zu verstehen. Auf alles gingst Du aber wie sonst ein. Ich wurde ja von Deiner Vorahnung so schwer belastet und da war es schon gegen 12 Uhr und dann nach 12 Uhr. Ich wagte garnicht auszudenken! Aber schon lange vorher hattest Du das Be­dürfnis mir die Hand zu geben, die die Meine fest drückte um zu danken, daß ich so gut für Dich sorge. Ich lehnte natür­lich immer ab. Es sei doch selbstverständlich, Du würdest genau so handeln, ja, Du bist so prächtig und tust alles so in meinem Sinn uns siehst mir alles von den Augen ab usw. Die Uhr auf den Nachttisch mit ihrem Ticken ließ mich eigentlich über mein Unglück oder Hoffen garnicht so recht denken und die Unterhaltung zog sich bis 3/4 1 Uhr hin. Da gabst Du mir die Hand, Deine Stimme ganz klar aber etwas schwächer ohne jedes Nebengeräusch. Ich erwähnte es wohl und erhielt als Antwort: "Ich bin doch Sängerin". Dann und wann schlossen sich die Augen, öffneten sich wieder, sagtest mir so viel Gutes und Liebes über die Pflege, über unser fast 50jähriges Zusammensein, was ich aber immer ablehnte und mir Pflicht und selbstverständlich sei, mir eine große Freude sei, Dir zu helfen, daß Du recht bald wieder gesund würdest. Du gabst mir die Hand und drücktest die Meine, sahst mich groß, lächelnd an. Du wolltest Dich erheben und wolltest mir einen Kuß geben. Ich beugte mich so tief und Du gabst mir den ge­wünschten Kuß und ich Dir auch, dabei sahst Du mich so tief, unergründlich aber freundlich an. Deine Stimme wurde schwächer und jetzt merkte ich die Erfüllung der Vorahnung. Du sahst mich lange an mit Deines schönen, großen Augen. Die Augen schlossen sich wieder und öffneten sich noch einmal, tief und ewig war der Blick und ich merkte, daß mein größtes Glück für immer und ewig vorbei ist. Als die Augen von selbst sich für immer und ewig geschlossen hatten, empfand ich eine feier­liche Stille. Lange saß ich und konnte den Zustand nicht fassen, streichelte ganz leise und schüchtern die Hände, das liebe, gute Gesicht, das eben noch so liebevoll mit mir gesprochen und mich angeblickt und leise von mir gegangen war. Ich sah nach der Uhr, es war 3/4 1 Uhr nachts, am 9. April 1947. Ich saß an Deinem Bette, an Deine immer bestimmte eingetroffene Vor­ahnung denkend. Wie erkläre ich mir dies? Auch Du konntest mir bei Lebzeiten nie eine Aufklärung darüber geben. Der ganze Raum nur bei Kerzenbeleuchtung war sehr dunkel, nur das Ge­sicht hell beleuchtet, gestaltete sich in dieser Stimmung wie eine Halle, so weihevoll, daß ich mich kaum wagte zu rühren, um diese weihevolle Stille und die liebe Teure nicht zu stören in dieser unbegrenzten Stille. Noch faßte ich den gan­zen Zustand nicht, es ging über meine Begriffe. Getrennt worden! Ein Aufhören! Ich sah nur das liebe Gesicht, eigentlich ohne zu denken. Lange habe ich so gesessen. Endlich aber wurde mir nun ganz klar, daß alles vorbei ist. Nun trieb es mich, das liebe, gute Gesicht, das noch vor kur­zem mit mir gesprochen, mich liebte und angelächelt hat, ehe beim Erkalten eine Veränderung im Gesicht eintreten konnte, zu zeichnen. Da das Kerzenlicht aber sehr schlecht war, mußte ich oft aufstehen, um die Formen richtig in der Nähe zu sehen. Auch merkte ich, daß das Lächeln auf dem etwas geöffneten Mund durch das kaltwerden des Gesichtes nachließ und trieb mich weiter an und vertiefte mich so in meinem Zeichnen, daß ich für meinen Schmerzzustand gar keine Zeit mehr hatte und meine jetzige Aufgabe nur darin sah, die Zeichnung so gut und ähn­lich wie nur möglich zu machen. Das Licht war so schlecht, daß mir die Augen wehe taten. Bis gegen 6 Uhr früh habe ich gezeichnet. Die Kälte in Zimmer merkte ich garnicht. Als ich die Zeichnung für fertig hielt und schon das Tageslicht auf die "Liebe" fiel, öffnete ich den Fensterladen und sah nun erst mein großes Leid ganz deutlich umrissen, daß ich nun ganz allein bin. Ich streichelte Dein liebes Gesicht, küßte Dich und immer größer wurde mir der Schmerz in der Brust. Nicht zum Aushalten! Und als ich Deine lieben Hände anfaßte, ach, wie waren sie so eiskalt, so kalt! Vor ganz kurzer Zeit drückten sie noch mit so viel Liebe die Meinigen, und jetzt so kalt! Ganz schmerzlos, friedlich hast Du "Beste Frau der Welt" aufgehört - verschieden - ich muß sagen in Schönheit, größter Ruhe und Würde! Mit Tod und Teufel, Fegefeuer, was nachher? Oder, in eine schönere, reinere Welt als die irdische zu kommen und was noch für Unsinn, das den Sterbenden das Sterben oft schwer macht, gab es für Dich nicht. Ganz frei bist Du Geliebte von mir ge­schieden. Der Tod war doch zwischen uns getreten und hatte uns getrennt, wie auf meiner Zeichnung "Schicksal". Das große Lie­besband aus schönsten Blumen gewunden hat er zerrissen, hält mein Liebstes mit beiden Händen und entführt sie mir, achtet nicht auf unsere Liebe und zertritt unser schönes Blumenband. Auf meinen unsagbaren Schmerz achtet er überhaupt nicht und wendet sich ab. Schweigend folgst Du dem unabwendbaren, schwarzen unergründlichen Tod, der mir alles nimmt. Nur die Treue, der Hund, blickt nach oben, weiß nicht, wie-er mit dem Geschehen fertig werden soll!! Lange habe ich Dich betrachtet und mir immer wieder gesagt, es kann nicht wahr sein. Leider war es aber doch so! Eine Todenmaske wollte ich von Dir abgießen und bin überall nach Gips herumgerannt, konnte ihn aber nirgends bekommen. Nun ist mir die Zeichnung noch wertvoller! Der Kopf ist le­bensgroß gezeichnet, sehr ähnlich und nichts von meiner Hand an Deinem lieben Gesicht und Haltung geändert. Die Augen hattest Du selbst geschlossen, den Mund etwas geöffnet, ein leises Lächeln lag auf Deinen Lippen, das später durch das schnelle Erkalten verging und bei der schlechten Beleuchtung ich auch nicht festhalten konnte, weil es schnell verging.
Wenn ich mir vergegenwärtige, daß Du guter und bester Mensch über 12 Wochen lang im ungeheizten Zimmer liegen mußtest und ich konnte Dir nicht helfen! Gas gab es überhaupt nicht! Holz und kohlen hatten wir kaum und das bisschen brauchte ich zum kochen und für warmes Wasser um Dich "Beste" warm waschen zu können. Als Du plötzlich Nachts die Blinddarmschmerzen bekamst und mit hohem Fieber sofort ins Krankenhaus gebracht werden solltest und ich schon alles zusammengesucht hatte was Du alles mitbringen solltest: Strümpfe, Schuhe, Decken usw., Du aber plötzlich herzzerreißend an zu weinen anfingst und mir sagtest:" Ich möchte hier bei dir sterben"! Wie war ich unglücklich und überglücklich zugleich über Deinen Wunsch, zu Hause zu bleiben, es aus Deinem Munde selbst zu hören. Es war sehr kalt, schon der Transport aus dem Bett ins Auto und die Fahrt nach dem Krankenhaus wäre für Dich verhängnisvoll geworden. Das bestellte Auto kam überhaupt nicht! Die Schwulst und das Fieber gingen merkwürdigerweise schnell zurück, auch die Schmerzen ließen nach und gegen Abend warst Du ganz ohne Schmerzen und fieberfrei und fühltest Dich wieder ganz gut. Mit 81 Jahren eine Blinddarmoperation unter den heutigen Umständen und Verhältnissen und bei Deiner Unterernährung? Dies wäre doch aussichtslos gewesen. Dem Schicksal sei es gedankt, noch 12 Wochen konnte ich Dich behalten! Wäre die amerikanische Hilfe früher und alles in Deine lieben Hände gekommen, Du hättest die Krankheit, (die große Schwäche nur durch die Unterernährung) bestens überstanden! Eigentlich warst Du doch eine kerngesunde und zähe Natur, trotz Deines hohen Alters. Alle Organe arbeiteten ausgezeichnet. Magen sehr gut , (Freude beim Essen) Nieren, Blase und Darm. Deine Herzkrankheit (Verkalkung) hast Du sehr gut beobachtet und zu meistern gewußt. Ich habe Dich vor jeder Aufregung geschützt. Die starke Unterernährung verursachte die große Schwäche und war Dein Tod! 3 1/2 Tage warst Du noch zu Hause bei uns. Als ich Deinen Körper wusch, sah ich erst richtig, wie aufgelegen Du Ärmste warst, aber nie geklagt, nur Andeutungen gemacht hast. Ich habe Dich selbst und ganz allein gewaschen. Dir das getragene Head ausgezogen und das zweite neue Hemd von Deiner lieben Freundin, Frau Pabst, angezogen. Das Medaillion mit dem Bildnis Deines Vaters, den Du so sehr liebtest und Dein bestes Spitzentaschentuch, (Du hattest doch immer eine so große Vorliebe für echte Spitzen) habe ich in die kleine Brusttasche im Nachthemd gesteckt. Zwei Briefe aus Amerika, von Nelde und Frau Pabst, habe ich Dir noch an das Kopfende gelegt, die "letzten Grüße aus der Heimat" und ließ den Sarg nochmals deswegen öffnen. Auch habe ich Dich selbst mit Hilfe der Heimbürgin in den Sarg gelegt um jedes rohe Zufassen zu verhüten. Von Sonnabend Mittag, den 12. April bis Montag Mittag ruhtest Du in der Unterkirche der Loschwitzer Friedhofskapelle, die ich sehr schön mit Lorbeerbäumen schmücken ließ. Am Montag, den 14. April 2 Uhr fand in dem Kirchenraum der Kapelle, die ebenfalls mit Lorbeerbäumen würdig der Feier angepaßt war, die Abschiedsfeier statt. Dein Wunsch, daß nur ich mit Dir "allein" bei der Beisetzung sein sollte, ließ sich nicht durchführen, trotzdem ich Allen Deinen Wunsch mitgeteilt hatte. Man brachte Kränze und Blumen. Kantor Friedrich am Harmonium und ein Cellospieler spielten die beiden herrlichen Kompositionen, die Du so sehr liebtest und mir so oft vorge-spielt hast: "Sarabende" von Händel und "Ave verum" von Mozart. Ich war so fertig, daß ich kaum den Klang der schönen Musik und die Worte des Pfarrers von Loschwitz vernahm. Im Grabe meiner Eltern, das Du gute, liebe Frau so oft besuchtest und geschmückt hast, habe ich Dich betten lassen. Doppelte Tiefe; denn dort bei Dir möchte ich auch mal ruhen. Hoffentlich will es das Schicksal so ! Dich dort zu wissen und der Weg dorthin, die Ludwig Richterstraße, den Franz-Albert-Venus-Weg, den Kotzschweg, dann durch die Schlucht nach dem Friedhof an Dein Grab ist mir so lieb, gibt mir Trost und Kraft zum Weiterleben um noch lange, recht lange Deiner gedenken zu können. Der schönste Gedanke! Und stehe ich an Deinem Grabe, so denke ich "Du mußtest es doch merken, wie sehr ich Dich liebe"! Nun halte ich es für meine nächste Aufgabe, der großen, einzigartigen Künstlerin einen würdigen Grabstein zu setzen, trotz der beschränkten Mittel. Ein großer Sandsteinblock mit einem Lorbeerkranz. Oben als Abschluß die Schrift: "Gelobt sei das Lied und die es singt!" An L.S. Carmen Sylva. Oben als Abschluß des Kranzes eine Lyra auf der ein singender Vogel sitzt. Man hat Dich doch oft mit einem singenden Vogel verglichen, der sich selbst singt. Das untere Ende des Kran-zes verbunden mit einer Schleife und einigen Rosen, als Huldigung für die große, schöne Sängerin und im Hintergrund einige Blätter mit Noten, sichtbar die Lillian Sandersonmappe. Der Text im Lorbeerkranz: Lillian Sanderson geb. 13.1 1866 zu Cheboygan U. S. A. gest. 9. 4. 1947 zu Loschwitz - Dresden, und der amerikanische fünfzackige Stern. Das ganze Grab wird mit Sandstein eingefaßt, daß es immer sauber und ordentlich aussieht und keiner besonderen Pflege bedarf und immer einen großzügigen Eindruck macht. Den Grabstein der Eltern lasse ich auch in neu ausführen und auch die Schrift einheitlich machen. Er kommt wieder so zu liegen, wie er früher lag. Die letzte Arbeit die ich für Dich tue, eine Monographie über uns Beide: Meine Entwicklung, meine Kunst, durch die ich Dich überhaupt erst kennen gelernt habe, unser Bekanntwerden, Deine Entwicklung, Deine hohe, einzigartige Kunst, Deine Triumphe und Erfolge, Deine Schönheit, die Geburt von Adrian, unser späteres Zusammenleben, Deine Tätigkeit als Lehrerin und Dein Vonmirgehen. Dann habe ich, glaube ich, meine Pflicht Dir gegenüber als Ueberlebender und treuer Mann, auch der Welt gegenüber erfüllt, um den Namen Lillian Sanderson weiter klingen zu lassen. In meinem Innern, Gedanken und Gefühlen setze ich Dir täglich neue Denkmäler! Hoffentlich gibt mir das Schicksal die Kraft und das Leben solange, daß ich mein Versprechen halten kann. Ich bin Dir zu ewigen Dank verpflichtet und mein sehnlichster Wunsch ist es, daß Du, edle Frau und großartige Künstlerin der Nachwelt noch recht lange erhalten bleibst und der Name Lillian Sanderson. In der Zeitung "Sächsisches Tageblatt" Dresden gab ich am 17. April 1947 bekannt: Am 9. April 1947 entschlief ruhig, nach einem langen Herzleiden meine geliebte, gute Frau, die einst weithin berühmte, große Konzertsängerin Lillian Sanderson im 81. Lebensjahr . Prof. Richard Müller Dresden-Loschwitz Herrm. Vogelstr. 2. Die Beisetzung hat in Loschwitz stattgefunden. Es wird gebeten, von Beileidsbesuchen abzusehen. Als der Sarg für immer geschlossen werden sollte und ich Dich nochmals streichelte und küsste, dachte ich, auch mein Ende zu fühlen und als ich Dich nicht mehr sah und dann der Sarg aus dem Hause getragen wurde, war ich so fertig, daß ich kaum mehr gehen konnte und auch nicht mehr recht sah. Es war wohl eine Störung im Gehirn, eine Blutleere. Dank dem Schicksal, dieser Zustand gab sich nach und nach wieder. Geliebte! Den 13. Oktober 1947 früh 10 Uhr, heute zu Deinem Geburtstag hatte ich mir nochmals "Sarabende" von Händel und "Ave verum" von Mozart in der Friedhofskapelle auf dem Harmonium mit Cellobegleitung spielen lassen, wie an dem Begräbnistag. Auf demselben Stuhl gesessen wie damals und ganz allein Deiner gedacht. Ganz nahe war ich bei Dir, ich vergaß ganz, daß ich Dich nicht mehr habe und durch die wundervolle Musik fielen alle irdischen Grenzen und Gedanken und machten mich frei von Schmerz und ich mußte fast annehmen, daß Du auch davon gehört haben mußt. Und wenn es auch nur eine Idee Gefühle von mir zu Dir sind, ein wundervoller Gedanke! Er ist so herrlich, stärkend und befreiend. Wunderbar, duch Musik so gestimmt und in Schönheit, Unendlichkeit ins Ueber-irdische geführt zu werden. Auch wenn es nur eine Vorstellung ist! Vielleicht empfindet nur ein Künstler so, der überall wohin er blickt, die Größe und Gewalt der Natur empfindet und überall Anregungen erhält und die Welt, die wir mit unseren eigenen Augen nur als schön bezeichnen müssen, der Mensch wieder zur Hölle macht! Durch Neid, Haß oder bloß durch eine Idee, durch Despotismus! Einen Kranz bekam ich leider nicht. Die Gärtner hatten kein Material. Auch keinen Strauß habe ich bekommen. Von unserer Zwergkiefer am Gartentor habe ich einen Zweig abgeschnitten und auf unser liebes Grab gelegt. Ich glaube, daß Dich derselbe mehr freut, als ein beliebiger Kranz ohne irgendwelche Beziehung zu Dir. Beim Betrachten der vielen Bilder, Aufnahmen von Dir, als Kind, Schulmädchen mit 14,15, 16 und 17 Jahren, alle so symphatisch, lieb Dein Aussehen und wie verschönt hast Du Dich dann noch später! Warum habe ich Dich damals nicht schon kennen gelernt?! Liebreiz strahlen alle diese Bilder aus. Ich kann verstehen, daß Deine Eltern größte Freude über Dich hatten und noch dazu Dein großes Talent. Später Deine großen Erfolge und Triumphe als ganz eigenartige große Sängerin. Ach, hätte ich Dich doch schon damals kennengelernt! Du hättest mich doch garnicht angesehen. Du warst 8 Jahre älter. Mit 23, 24 Jahren eine weltberühmte Sängerin, ich damals kaum 15 1/2 Jahre alt trat erst als Studierender in die Kunstakademie in Dresden ein. Ich glaube kaum, daß, wenn Du mich damals in meiner dürftigen Kleidung gesehen hättest, ich kaum eines Blickes gewürdigt worden wäre. Völlig mittellos, aber ein großes Wollen trug ich in mir und hatte mir als Zeichner und Maler ein sehr hohes Ziel gesetzt. An Liebe habe ich damals wirklich nicht gedacht. Ich war ja damals noch viel zu jung. Das Leben war für mich viel zu ernst. Von Deiner Existenz wußte ich doch nichts und leider warst Du doch auch schon verheiratet! Dann wurde ich auch erst noch Soldat und dann auch noch dazu ein gemeiner Soldat. Merkwürdig, am 13. Oktober, zu Deinen Geburtstag wurde ich zum Militär 1894 eingezogen, wie ich heute aus meinen Militärpaß ersehe. Du, im Glanz der Kunst, gefeiert, verehrt, immer umjubelt, mit Blumen überschüttet und ich nahm für einen Groschen meine Mahlzeiten in der Volksküche, die damals überall eingerichtet wurde, ein. Messer, Gabel und Löffel noch an Ketten um sie vor Verschwinden zu schützen; den unter den Tischgästen befand sich mancher Landstreicher und Bettler, die alles mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war welch ein Unterschied! Ich kam immer etwas später: nach 1 Uhr, bis dahin dauerte der Unterricht in der Akademie und dann war der Hauptbetrieb in der Volksküche vorbei und man konnte, wenn noch Essen übrig blieb, zwei oder drei Teller voll ohne Bezahlung bekommen. Aber auch diese 10 Pfennig-Kost konnte ich mir nicht immer leisten. Und dann, wie sah oft so ein Tisch aus nach einer solchen Massenabfütterung. Vollständig mit Speiseresten beschmiert, selbst auf den Bänken auf die man sich setzte. Aber man sah nicht hin, sättigte sich und sah sich um, ob man noch Etwas umsonst haben konnte, wenn nicht, verschwand man auf der Stelle und draußen war man wieder der Idealist und schwärmte in höheren Regionen: Dürer, Holbein, Tizian, Michelangelo, dann die Deutsch-Römer, die Romantiker und von den Neueren: Lenbach, Leibl, Stuck und durch den Abendakt gingen wir über zu Klinger, Geyger, Stauffer-Bern, das waren meine Ideale und Liebsten. Nein, Du hättest kein Verständnis für den Gast der Volksküche aufbringen können. Es mußte erst von der Schicksalsdirektion ein Zwischenakt eingeschoben werden, um unser Zusammenspiel auf der Weltbühne zu ermöglichen. Du warst reifer, viel gereist, hattest die Welt gesehen durch Deine Gesangskunst. Alles das hat mir sehr viel genützt, gebildet, mich angespornt, meinen Fleiß noch mehr gesteigert, Ich wollte Dir doch gefallen! Gleich als ich Dich am Bahnhof in Hasserode sah, fühlte ich "Etwas" in mir. Ich wußte nicht was es war. Ich war erstaunt über Deine Schönheit, Deine Figur, Dein vornehmes Wesen. Ich wurde ganz verlegen und beschämt. Ich hatte Dir doch erst abgeschrieben, aber Deine liebevolle Art war doch ganz anders als ich mir Dich vorgestellt hatte. Ein wohlbehagen überfiel den Zeichner in der Nähe dieser schönen Frau zu sein und sie zeichnen zu dürfen. Nun ist alles aus. Nur die Erinnerung, aber die ist so schwach, ich gebe mir die größte Mühe sie lebendig zu erhalten. Ich liege oft die ganze Nacht wach im Bett, denke nur an Dich und kann nicht schlafen. Alles ist um mich im Haus so häßlich und trostlos geworden. Manche Tage bin ich so fertig and habe das Leben so satt. Wenn ich mein Leben, das erst wertvoll für mich wurde, als ich Dich kennen lernte und besaß und jetzt, wenn ich zurück denke an Dies und Jenes, alles, auch die Erinnerung sagt mir - nichts mehr. Ich habe Dich doch nicht mehr, keinen Menschen mit dem ich mich aussprechen kann. Es wäre ja auch zwecklos, denn ich bekomme Dich doch nie wieder. Meine Geliebte, sei froh, daß Du diese Gefühle nicht durchmachen mußtest und ruhig schlum-mern kannst und in Zufriedenheit und Schönheit aus dieser Welt gehen konntest. Ich war bei Dir bis zu Deinem letzten Denken. Was wird mir noch bevorstehen? Allein! Viel denke ich an unsere großen gemachten Reisen, nach Italien, Gardasee, Schweiz, Sizilien, aber immer fehlst Du mir Geliebte und ich gebe es bald wieder auf. Den Baedecker studiere ich. Deine Bemerkungen von Dir, von Deiner Hand erinnern mich an die schönen Zeiten. Noch kann ich es nicht fassen, daß ich Dich nicht mehr habe. Alle die Gedenkstätten: Unser erster gemeinsamer Ausflug nach dem Regenstein, nach der Tropfsteinhöhle, Rübeland, Hexentanzplatz, Bodensee, Schweiz, St. Moritz, Gardasee, Verona, Venedig, Ober- und Unteritalien und Sizilien versuche ich auch in unserer Monographie in Zeichnungen vorzuführen, die unser großes gemeinsames Glück in Kunst und Natur zum Ausdruck bringen soll. Beste, Liebste, Gute, hilf mir doch, und wenn es Dir möglich ist, hilf mir dabei. Kein Mensch auf dieser Welt hat Dich so geliebt und liebt Dich weiter bis er selbst die Augen für immer schließt. Alle Abende, ehe ich einschlafe, erzähle ich Dir und freue mich im Gedanken Dir zu sein. Ich bin so unglücklich. Ach, was habe ich nicht alles durchgemacht! Durch die Kritiken über die "Entartete Kunst" usw. 1934 sollte mir das Haus und alles genommen werden. Ich sollte aus dem Haus heraus und ein großer Prozeß wurde mir gemacht und ich mußte mich öffentlich verteidigen. Vom Staats-anwalt wurde mir 1 Jahr Gefängnis und Einziehung meiner ganzen Habe zugedacht, aber dann wurde ich durch Richter und Gerichtsschöffen freigesprochen. Ganz merkwürdig, die Nacht vorher habe ich so lieb von Dir geträumt, von 10 bis früh gegen 1/2 6 Uhr. Es war, als wäre keine Trennung. zwischen uns gewesen. Das gab mir eine solche Kraft und Ruhe, daß das Urteil des Staatsanwaltes auf mich gar keinen Eindruck machte und mir schließlich die Freisprechung als selbstverständlich erschien. Die Verhandlung hat von früh10 bis Nachmittag gegen 5 gedauert. 1947 wurde ich zur Entnazifizierung nach der Hauptpolizei bestellt: "Sie wissen wohl, weshalb sie hierher bestellt worden sind"? "Nein, aber doch, ein Pelz und ein graues Kostüm und mehrere andere Sachen sind nach dem Tode meiner Frau aus einem verschlossenen Schrank, zu dem nur ich die Schlüssel habe, gestohlen worden". Der Beamte stutzte eine Weile, sagte dann aber: "Nein. Sie waren doch Parteigenosse, haben gegen die entartete Kunst geschrieben und haben auch mehrere Stätten von Hitler gezeichnet, deshalb sind sie hier, um sich zu verantworten. Wie kamen sie zur Partei?" "Eines Tages kam Geheimrat Hertzsch, die juristische rechte Hand vom Reichsstatthalter Mutschmann nach der Akademie und ließ mich, den Rektor der Akademie kommen. Er war nicht gerade sehr freundlich, wie es unter gebildeten Menschen üblich ist und sagte mir, die Partei hätte die Absicht, eine Kunstkammer zu gründen, was würden sie unter einer Kunstkammer verstehen? Ich sagte, eine Stelle, wo alle Kunstbelange zusammen liefen und von Fachleuten, wie die Kunst es verlangt auch gearbeitet wird. Eigentlich haben wir das heute schon in der Akademie. Alle Akten über akademischen Rat, Künstlerhilfsbund, Sachverständigenkammer, die Gelder für Ankauf der Gemäldegalerie "Pröll-Heuer,- Munkelstiftung" usw. ruhen hier, werden von hier aus verwaltet, Hier werden die Sitzungen abgehalten. Plötzlich, vielleicht nach 8 Minuten wurde ich gefragt, ob ich Mitglied der Partei wäre, als ich Nein sagte, bekam ich als Antwort, dann kann ich mit ihnen gar nicht weiter verhandeln, nahm seine Mütze vom Tisch und wollte gehen. Er ging auch zur Tür zu, kehrte aber plötzlich um und sagte, ich kann nicht noch einmal wieder kommen, dazu habe ich keine Zeit, ich melde sie sofort an, (es wir wohl eine Aufnahmesperre) so, nun können wir weiter machen. Herr Hertzsch hatte keine Ahnung und auch kein Gefühl für Kunst. Ich zeigte ihm die ganzen Akten. Er machte sich einige Notizen, sah sich die Räume, wo die Sitzungen stattfinden und auch die Aula nebenan an, wo Arbeiten ausgestellt, die bei den betreffenden Sitzungen gezeigt und besprochen wurden. Hätte ich damals gesagt, die Aufnahme der Partei kommt mir zu unverhofft, ich muß erst überlegen, so hätte Herr Hertzsch mich wohl sofort ohne ein Wort verlassen und ich wäre auf der Stelle als Rektor und Lehrer entlassen worden und vielleicht auch ohne Pension. Herr Hertzsch war früher Sozialdemokrat und hoffte Minister zu werden und da er es nicht wurde, ging er zu den Nationalsozialisten. Später bei der Röhmsache hat man ihm auch sehr mitgespielt. Er wurde durch Mutschmann, der ihn los sein wollte, nach Hohnstein gebracht und später nach Berlin, dort brach er zusammen, wurde freigelassen, kam zurück und setzte sich wieder auf seinen Amtssessel und keiner wird es wagen mich nochmals anzufassen, auch nicht Herr Mutschmann. Ich hatte später dienstlich öfters mit ihm zu tun und habe obiges aus seinem eigenen Munde gehört. Ich hatte das Gefühl, er mußte sich mal einem Menschen gegenüber äußern der die Äußerung für sich behält und nicht Streber ist." Dann wurde ich weiter gefragt:" Sie haben gegen die Entartete Kunst seinerzeit im Rathaus geschrieben und vielen Künstlern dadurch ge-schadet". "Vom Ministerium, Sachverständigenkammer, Oberbürgermeister von Dresden Zörner und der ganzen Schülerschaft wurde ich genötigt, mich öffentlich dazu zu äußern und ich als Sachverständiger wurde von den drei Ministerien einstimmig dazu gewählt. Die ausgestellten Arbeiten hatten mit Kunst nichts zu tun und das Publikum wandte sich in dieser Sache gegen die Akademie und machte dieselbe verantwortlich dafür. Man mußte die Arbeiten gesehen haben. Auf einem Holzdeckel, Dachpappe genagelt, mit etwas Oelfarbe beschmiert "Weiterentwicklung" oder auf einen Holzdeckel eine Heringsräte genagelt "Hoffnung oder Sehnsucht" hießen dann die Werke. Das hat doch mit Kunst nichts zu tun, nicht sie, sondern wir, die wir unser Handwerk richtig gelernt haben und die Natur richtig studieren und uns die größte Mühe geben, richtig zu zeichnen und zu malen sind geschädigt beim Publikum, denn es nimmt uns Künstler doch garnicht mehr ernst, wenn solches dummes Zeug ausgestellt wird und als neu oder als "Neuland" bezeichnet wird. Von vielen ernsten Menschen bekam ich Zuschriften und lobten mich, daß endlich mal ein guter Künstler es wagt, diesen Unsinn beim richtigen Namen zu nennen". "Dann haben sie die Stätten von Hitler gezeichnet". "Ja." "Wie kamen sie dazu"? "Der Reichsstatthalter Mutschmann, der Oberbürgermeister Zörner und Geheimrat Hertzsch setzten sich zusammen, zerbrachen sich die Köpfe. Was kann man dem Führer zu Weihnachten schenken? Geld, Gold, Brillanten, Oelbilder, Bronzen hat er in Hülle und Fülle und endlich kam man auf den Gedanken, "Hitlers Gedenkstätten" zeichnen zu lassen. Und nur ein Künstler kommt hier in Betracht und das ist Richard Müller. Ich wurde bestellt, Geheimrat Hertzsch erzählte mir den ganzen Vorgang. Wieviel Geld in österreichischen Devisen benötigen sie dazu? Ich antwortete wohl 360 Mark und erhielt sofort einen Schein an die Staatsbank Berlin ausgestellt, die mir sofort das Geld hier in Dresden zur Verfügung stellen sollte um sofort damit zu beginnen. Ich wandte mich sofort nach Berlin, erhielt aber einen abschlägigen Bescheid. Ich war lange nicht verreist gewesen, österreichische Küche, das Bier, auch wieder nach der Natur zeichnen zu können, immer viel im Freien sein zu können, auch etwas neues sehen zu können, zog mich sehr an und ich versuchte mit 20 RM, die man damals bei sich haben konnte, an der schmalsten Stelle in der Nähe vom Tegernsee nach Salzburg zu kommen. Bis in die Nähe vom Tegernsee konnte ich ja mit Deutschem Geld kommen. In Salzburg zeichnete ich sofort die Burg, Pferdeschwemme usw., beliebte Motive und bald kam auch ein Käufer. Er bot mir 800 Mark in österreichischer Währung für 4 Zeichnungen. Ich verkaufte sie, hatte genug Geld und begann nun ganz planmäßig meine Tour für die Hitlerzeichnungen. Ich machte nebenbei auch noch mehrere Zeichnungen für mich von "Anton Bruckner" in Linz, St. Florian usw. und fuhr dann über die Schweiz nach Schaffhausen -um auch den Rheinfall noch mehrere male zu zeichnen- nach Hause. An der Grenze wurde ich unbehelligt durchgelassen. In Dresden wurde ich vom Kunstverein aufgefordert, die Zeichnungen auszustellen. Nach ungefähr drei Tagen rief mich der Stellvertreter vom Führer Heß telephonisch an, er hätte von der Ausstellung gehört, er möchte die Ausstellung, alle Blätter geschlossen kaufen und sie dem Führer zu Weihnachten schenken. Kostenpunkt spiele keine Rolle. Als Mitglied des Vorstandes vom Dresdner Kunstverein wußte ich, daß der Kunstverein bei allen ausgestellten Arbeiten das Vorkaufsrecht hat. Oberbürgermeister Zörner war der Vorsitzende des Kunstvereines und ich mußte mit ihm deswegen sprechen. Ich rief ihn telephonisch an und erzählte ihm und er bat mich, ob er mich nicht persönlich sprechen könnte oder ob ich zu ihm kommen konnte. Die ganze Sache interessierte ihn sehr und ich ging sofort zu ihm nach dem Rathaus: Er hörte sehr aufmerksam zu und dachte wohl, die günstige Gelegenheit läßt du dir nicht entgehen, dich beim Führer bestens einzuführen und gab mir als Antwort "der Kunstverein hat das Vorkaufsrecht". Ich frug ihn und was soll ich Heß antworten? Dies ist ihre Sache. Recht unangenehme Auseinandersetzungen hatte ich mit Heß. Zörner behielt die Zeichnungen, ließ eine sehr schöne Truhe aus einen alten Eichenstamm, den man aus der Elbe gezogen hatte und dunkel blau-schwarz ge-färbt hatte, machen, mit Schubfächern versehen um die Zeichnungen hineinzulegen und als Weihnachtsgeschenk dem Führer überreichen wollte. Als der Reichsstatthalter (Mutschmann) davon erfuhr und Zörner das wundervolle sinnige Geschenk nicht gönnte und er es nicht selbst haben konnte, entstand zwischen den beiden eine Todfeindschaft die damit endete, daß Mutschmann Zörner verbot, die Truhe aus dem Rathaus zu entfernen. Können sie sich denken, wenn mich ihr Polizeipräsident mich nach der Hauptpolizei kommen ließe und mir sagte, er hätte die Absicht, dies und jenes für den ersten russischen General zeichnen zu lassen als Weihnachtsgeschenk und nur ich konnte das künstlerisch richtig lösen, daß ich dies ablehnte?" Damit war mein Verhör zu Ende und alles obige zu Papier gebracht und ich nachher entlassen. Nach einigen Tagen kam der Beamte, der sich anständig mit gegenüber benahm zu mir in mein Haus und frug mich nach meinem Barvermögen. Ich zeigte ihm mein Sparkassenbuch mit 4000 RM und mein Bankkonto mit gegen 1100 RM. Diese beiden Summen sind für den Grabstein und Grabeinfassung meiner Frau, die vor kurzem gestorben ist, bestimmt. Die Steine können jeden Tag hier eintreffen. Sie kommen, wie damals geplant aus Rochlitz und dazu muß ich die Summe bereit halten. Auch konnte ich ihm die Zeichnung von mir zum Grabstein zeigen. 1946 sollte eine große Schau von Kunstwerken in der Nordhalle, (Dresden) früher Arsenal, vorgeführt werden. Auch alte Künstler mit älteren Bildern sollten gezeigt werden, wurde in der Zeitung bekannt gegeben. Auch ich schickte 2 Ölbilder und 4 Zeichnungen ein, wußte aber ganz bestimmt, daß ich abgelehnt würde. Man hat sich meine Arbeiten gründlich angesehen aber alle abgelehnt. Der Berliner Maler Hofer bestimmte darüber und die Dresdner Künstler haben es sich, die mit der Ausstellung zu tun hatten, bieten lassen. Auch erfuhr ich aus einen Schreiben von Hofer selbst, daß Künstler wie den berühmten Heinrich Zügel, der in allen Galerien der Welt als großer Künstler gilt und angekauft wurde und ebenso Egger-Lienz für ihn gar keine Künstler sind. Man zeigte mir dann Abbildungen von ganz jämmerlichen Arbeiten von ihm und jetzt kann ich verstehen, daß dieser Mann doch garnicht in der Lage ist, ein ernstes Kunstwerk zu beurteilen. Ich sah dann die Ausstellung, hörte das Lachen oder Schimpfen des Publikums über die ausgestellten Arbeiten. Traurig, daß es solch angebliche Künstler gibt, die solche Sachen ausstellen und der Menschheit weismachen wollen, daß dies neue Kunst sei und Deutschland doch so schädigen. Russischen Offizieren, die gelegentlich zu mir ins Haus kamen und sich sehr für meine Arbeiten, die sie an den Wänden hängen sahen interessierten, erzählte ich von der Ausstellung am Nordplatz. Sie waren dort, vermißten die Arbeiten von mir, kamen wieder zu mir und baten mich, ihnen die Arbeiten zu zeigen, die ich auszustellen gedachte. Als ich ihnen die Arbeiten zeigte, sahen sie sich dieselben sehr genau an, lobten mich sehr, ich sei ein großer Künstler, schüttelten nur den Kopf, waren aber so taktvoll und sagten kein Wort dazu. Einer von den Herren sagte mir, er wäre glücklich, wenn er von mir gezeichnet würde. Ja bitte, dies können sie haben. Bitte nehmen sie hier Platz. Sofort begann ich damit. Nach einer Stunde war der Kopf in Kohle fertig. Ich hatte die Absicht, in Kreide ihn noch weiter auszuführen. Er ließ mir aber sagen, daß er plötzlich abberufen worden sei und leider nicht wieder kommen könnte. Meine Frau hatte oft in Petersburg, Moskau, Odessa usw. gesungen und stand mit mehreren Familien von dort brieflich in Verbindung. Auch ihr Name. "Lilian Sanderson" war einem Offizier sehr geläufig, der eine sehr schöne Tenorstimme hatte und auch meiner Frau vorsang, eine ganz andere Art als ein Deutscher, sehr gut geschult, einen sehr feinen Triller, aber etwas Naturbursch im Gesang. Durch gewöhnliche Soldaten ist natürlich manches mitgenommen worden. Kleine Bilder aus den Rahmen gleich herausgenommen um es besser fort zu bekommen, Zeichnungen aus den Kartons herausgerissen und wie ein Stück Wurst eingepackt, Kleider und vieles andere, Geld und Uhr gleich aus der Tasche genommen und man mußte, ruhig halten. Ach, war das eine entsetzliche Zeit! Nachts wurde fortgesetzt geklingelt. Schließlich schlief ich gleich hinter der Haustür, daß ich gleich aufmachen konnte, wenn es klingelt sie hätten sonst das Gartentor aufgerissen und die Haustür eingeschlagen. Wie oft bin ich nachts aufgetrieben worden und war froh, wenn man nur nach dem Weg frug und ich wieder verschwinden konnte, ohne behelligt zu werden. Viele wollten Schnaps haben und glaubten nicht, daß ich keinen hatte und wollten ihn mit Gewalt herbei holen. Viele waren betrunken und ich war froh, wenn sie endlich das Haus verließen ohne persönlich geworden zu sein. Ein Glück, Geliebte, daß Du nicht auch noch das Unglück erlebt hast. Ich, ein Jahr ins Gefängnis für Nichts und wieder Nichts, wäre für Dich der sichere Tod gewesen. Nur Dir danke ich, daß ich darüber weggekommen bin, da ich Dich immer um mich fühle. Wie eine Rose, die kaum aufgeblüht, fein in der Struktur, schon interessant für mich als Maler, die wundervolle Farbe ob hellrot oder dunkelrot und der feine vornehme dezente Geruch, so erscheinst Du mir vom ersten Augenblick, als ich Dich in Hasserode sah und bis zum letzten Augenschließen am 9. April 1947. Beim Betrachten der Blätter für die Monographie muß ich der unvergeßlich schönen Stunden gedenken, die wir zusammen erlebten, hauptsächlich in Italien : Gardasee, Verona, Venedig, Florenz, Rom, Tivoli, Nemisee, Neapel, Vesuv, Sizilien, Girgenti usw. Alle diese Stätten der Kunst und auch die Kunstwerke selbst kamen mir viel schöner vor als. früher, als ich sie als junger Mensch allein sah. Eine große Freude war es für mich, auch Dein Glück über die großen Kunstwerke mitempfinden zu können. Und heute? - Welch eine Leere ohne Dich ! --- Große Kraft und ein großer Glaube gehören dazu, um meine große Liebe zu Dir über alles geliebten Frau in demselben zarten, feinen Blumenduft zu erhalten, wie vom ersten Augenblick, als ich Dich zum ersten Male sah. Gott, wie rein, wie edel warst Du ! Wie war ich vom Glück überschüttet, daß ich Dich fand und Du meine Frau wurdest ! Überall wo ich hinsehe und meine Betrachtungen angestellt habe - so eine Frau wie Du gibt es wohl nicht wieder, und dieses große Glück wurde mir zuteil. Immer habe ich es gewußt und ich glaube auch Du. In Gedanken lasse ich alles noch einmal vorüberziehen, freudelos, aussichtslos! Ich muß aufhören zu denken, meine gute, beste Lilly, wie traurig bin ich, daß ich Dich nicht mehr habe.

"Warum bin ich vergänglich, o Zeus ?" fragte die Schönheit.
"Macht' ich doch," sagte der Gott,
"nur das Vergängliche schön!"
(Goethe)


Aus dem Manuskript "Dresdner Begegnungen" von Dr. Georg Ernst, Hausarzt von Richard Müller, über dessen letzte Jahre und Tod.           Seite 1            Seite 2


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